Zum Kapitel: Fotos und Illustrationen

Zeigen Pressefotos die reine Wirklichkeit?

Ein Gespräch mit Noah Cohen zum Thema Fotografie und Bildmanipulation

Von Eva Sylvia Klimt und Cornelia Neumann

Noah Cohen ist Dozent für Pressefotografie an der Journalistenakademie Dr. Hooffacker & Partner in München und freier Portrait- und Pressefotograf.

Foto: Noah Cohen
Foto: Cornelia Neumann

Was hat sich in den letzten Jahren in der Pressefotografie getan?

Ungefähr vor 20 Jahren begann die Umstellung von der herkömmlichen zur Digitalfotografie. Vorher wurden in der Presse hauptsächlich Schwarz-Weiß-Fotos verwendet. Auch die brisantesten Pressefotos waren ziemlich zeitaufwändig, bis sie in die Redaktionen gelangten: Nach der Aufnahme wurden die Negative im Labor entwickelt, Größe und Ausschnitt gewählt und Abzüge gemacht. Dann wurden die Fotos in die Redaktion gebracht. Farbfotos haben die Zeitungen aus Kostengründen damals kaum gedruckt, zumal die Bearbeitung zu lange dauerte.

Als die ersten Digitalkameras aufkamen, waren die Fotografen gezwungen, sich sehr teure Apparate zu kaufen. Die ersten hatten ein bis zwei Millionen Pixel und kosteten rund 10.000 DM. Die Qualität der ersten Digitalfotos war wesentlich schlechter als die der analogen. Heute hat sie sich stark verbessert, es gibt sehr gute Digital-Profikameras. Der Weg von der Aufnahme über die Bearbeitung am PC, dann weiter über die Redaktion bis zum Druck ist wesentlich schneller und einfacher geworden. Alles geschieht per Mausklick. Wenn es besonders schnell gehen soll, gibt es mittlerweile Kameras, mit denen Fotos zu einem nahegelegenen Computer gesandt und von dort in Sekundenschnelle weitergeschickt werden können. Die Qualität ist sogar etwas besser als früher auf dem Negativ. Der dynamische Umfang der Digi-Kameras ist größer, das Kontrastvolumen höher, das heißt sie meistern sogar Aufnahmen, für die man früher wegen zu großer Kontraste einen Aufhellblitz verwenden musste (High Dynamic Range, HDR).

Sind Fotos durch die Digitalfotografie leichter manipulierbar geworden?

Nachbearbeitet und manipuliert, das heißt retuschiert, wurden Fotos schon immer. Früher war Manipulation eine komplizierte Arbeit, die von Fachleuten ausgeführt wurde. Durch die neuen Techniken und Programme kann das heute jeder Amateur.

Es gab in München einmal eine Ausstellung, in der gezeigt wurde, wie in der Sowjetunion Leute komplett aus Bildern wegretuschiert wurden, zum Beispiel Regimefeinde oder unliebsam gewordene Genossen wie Trotzki. Manchmal wurden dabei Fehler gemacht, etwa ein Fuß vergessen. Dazu gibt es eine Geschichte: Jeder kennt das historische Foto vom Berliner Reichstag, auf dem ein Soldat der Roten Armee 1945 die russische Flagge hisst, was den Sieg über Nazideutschland symbolisierte. Dieses historische Foto ist gestellt: Ein Fotograf hat drei Soldaten engagiert und sie einen ganzen Tag lang herumdirigiert. Zwei haben einen Orden bekommen. Der dritte wurde vom KGB davor gewarnt zu verraten, wie dieses Foto entstanden ist: er war kein Russe, sondern Ukrainer. Später wurde das Foto dann noch einmal retuschiert, weil der Fotograf übersehen hatte, dass einer der Soldaten zwei Uhren am Arm trug, und ein russischer Soldat durfte nicht als Plünderer dastehen.

Eine andere Ausstellung im Münchner Stadtmuseum vor Jahren zeigte ein amüsantes Projekt: Ein Fotograf wollte dokumentieren, wie man historische Bilder beliebig manipulieren kann, und montierte einen Schauspieler in große Momente der Weltgeschichte, zum Beispiel in den Cadillac von Kennedy nach seinem Wahlsieg oder in die Mitte der königlichen Familie in London.

Wie häufig kommt Bildmanipulation in der Presse vor - und in welchem Bereich?

Pressefotos werden zum Beispiel dann bearbeitet, wenn einer Person eine Stange aus dem Rückgrat wächst, weil der Fotograf nicht aufgepasst hat. Oder ich retuschiere bei einem Portrait ungünstige Faktoren wie Hautauffälligkeiten oder schlechte Zähne. Da ist die Frage: Wo hört harmlose Retusche auf, und wo fängt Manipulation an? Das ist auch eine Frage der Ethik. Ich würde sagen, dass viel manipuliert wird, ohne dass man es bemerkt, am meisten durch die Motivwahl und die Wahl des Bildausschnitts. Alle Redaktionen beschneiden Bilder, und jeder Ausschnitt verändert den Blickwinkel. Ideal wäre es, wenn der Fotograf den Ausschnitt bestimmte. Doch nur Fotografen der Agentur Magnum haben die Bedingung durchgesetzt, dass ihre Bilder nicht verändert werden dürfen. Auf die subjektive Auswahl des seriösen Fotografen kann man aber in der Regel vertrauen. Es gibt allerdings eine schleichende, subtile Form der Manipulation, indem man eine Person absichtlich ungünstig darstellt. Ariel Sharon, der ehemalige israelische Ministerpräsident, wurde zum Beispiel von der tendenziell linken israelischen Presse immer so aufgenommen, dass sein Nasenzucken sichtbar wurde.

Pressebilder sollen ja eigentlich Tatsachen objektiv dokumentieren, aber sehr häufig werden sie bewusst eingesetzt, um Stimmung für oder gegen bestimmte Menschen zu machen. Ihre Kraft ist sehr groß, kaum einer kann sich einem hochemotionalen Bild, zum Beispiel von weinenden Kindern, entziehen. Was hinter den Tränen steckt, weiß der Leser nicht, er ist auf die Bildunterschrift angewiesen. Das ist wohl die stärkste und oft gefährlichste manipulative Kraft der Presse.

Ich habe zum Thema Nachbearbeitung gemischte Gefühle. Besser ist es, wenn der Fotograf so gut ist, dass sein Foto nicht nachbearbeitet werden muss. Grundsätzlich glaube ich nicht, dass in seriösen Zeitungsredaktionen die Wirklichkeit grob manipuliert wird. Ich bin nicht kulturpessimistisch, ich denke nicht, dass Dinge wie Qualität und Wahrhaftigkeit der Fotos durch die Digitalfotografie schlechter geworden sind.

Was halten Sie von Aktionen wie “Jeder Leser ein Fotoreporter”?

Auf die Seriosität des “Mannes von der Straße” kann ich nicht so vertrauen wie auf die des Pressefotografen. Ein Pressefotograf trägt seinem Namen und seiner Redaktion gegenüber eine Verantwortung, das ist sein Beruf, und er hat etwas zu verlieren. Der Mann von der Straße könnte sich durch ein verfälschtes Bild Vorteile verschaffen oder eine bestimmte Meinung propagandistisch unterstützen. Es gibt aber auch Beispiele wie den 11. September und den Brand der Concorde: In beiden Fällen waren es Amateurfotos, die um die Welt gingen. Es gibt nun mal Dinge, die passieren, ohne dass ein Pressefotograf dabei ist. Dann sind solche Dokumentationen natürlich von unschätzbarem Wert. Digitalkameras sind fast überall und in jedem Moment verfügbar, deshalb kann man Bilder bekommen, auf die niemand vorbereitet war. Ihre Qualität mag weniger gut sein als die der Profis, aber das ist bei so brisanten Ereignissen auch zweitrangig, außerdem kann die Qualität der Fotos am Computer erheblich verbessert werden.

Gibt es heute weniger Aufträge für Fotografen, weil viele Journalisten mittlerweile nicht nur die Artikel schreiben, sondern die Bilder gleich selbst machen müssen?

Ja, man spürt diese Auswirkungen. Heute werden freiberuflichen Fotografen viel weniger Fotos abgekauft, weil die Redaktionen selbst fotografieren. Bei einem großen Event nahe München wie dem Ritterturnier Kaltenberg erhielten 2007 mehrere Amateure eine Akkreditierung und konnten ihre Fotos - honorarfrei, aber mit Namensnennung - auf die Homepage stellen.

Bitte noch ein Wort zur Qualität der Digitalfotografie, verglichen mit der herkömmlichen Fotografie.

Zunächst kommt es bei der Qualität der Digitalfotos sehr auf die Kamera an. Es gibt zwei Arten von Geräten: die kleinen, vollautomatischen Billigkameras und die DSLR (Digital-Spiegelreflex)-Kameras. Erstere liefern standardisierte Bilder, die allenfalls für das Familienalbum taugen, überscharf und mit übersättigten Farben. Letztere haben eine sehr gute Bildqualität erreicht, im Vergleich zur Analogfotografie genauso gut bis besser.

Durch verschiedene Filter und Nachschärfen können die Bilder noch optimiert werden. In der analogen Schwarz-Weiß-Fotografie hatte man etliche Möglichkeiten, auf die Stimmung des Bildes einzuwirken, sie gezielt zu verändern. Diese Möglichkeiten wurden durch die digitale Technik noch gewaltig erweitert. Geht es um künstlerische Fotografie, spricht man auch nicht mehr von Manipulation, sondern von einer technischen Fertigkeit, wie zum Beispiel in der Malerei, denn der Fotograf kann die Mittel der Bildbearbeitung subjektiv und künstlerisch nutzen. In der Presse sollte nur das technische Optimieren von Belang sein. Aber grundsätzlich ist Fotografie immer subjektiv.

Zwei Fotomontagen

Weblinks:

Website von Noah Cohen
homepage.mac.com/gapodaca/digital/blonde/blonde1.html
www.rhetorik.ch/Bildmanipulation/Bildmanipulation.html
de.wikipedia.org/wiki/Fotomanipulation
de.wikipedia.org/wiki/Petersburger_Blutsonntag
www.netzeitung.de/medien/330909.html
augenzeuge.stern.de/