Zum Kapitel: Das neue Jahrhundert

Bleistaub versus Zeitdruck

Ein Gespräch mit Bernd Mann zum Thema Veränderung der Arbeitswelt in der Druckvorstufe

Von Gabriele Rieth-Winterherbst

Bernd Mann ist gelernter Verlagskaufmann. Er war zunächst als Journalist und im klassischen Verlagsbereich tätig. Seit 1994 ist er bei ver.di und dort als Gewerkschaftssekretär IG Medien/dju Bayern unter anderem für den gesamten Verlagsbereich, Printmedien und ihre Online-Ableger zuständig.

Foto: Bernd Mann
Foto: Cornelia Neumann

Herr Mann, es gab im letzten Jahrhundert in der Zeitungsgestaltung zwei entscheidende Umwälzungen: die Ablösung des Bleisatzes durch den Fotosatz etwa Mitte der 70er Jahre und dann ab Anfang der 90er Jahre den Übergang vom Fotosatz zu DTP (Desktop Publishing). Was bedeutete das für die damit verbundenen Berufsbilder?

Die Umstellung von Bleisatz auf Fotosatz war im Rückblick noch die harmlosere Neuerung, weil sich ein Gerät, nicht aber die gesamte Technik, grundlegend geändert hat. Dazu kam, dass die Setzer, und hier insbesondere die Maschinensetzer, eine sehr traditionsreiche Berufsgruppe darstellten, so etwas wie eine eigene Gilde. Sie waren stark organisiert, haben sich ihre Integration in die neue Technik und insbesondere auch ihre Einkommen durch einen Tarifvertrag gesichert. Der RTS-Tarifvertrag (Tarifvertrag für rechnergesteuerte Textsysteme) wirkt sich im Übrigen zum Leidwesen der Verleger bis zum heutigen Tag aus. Er gilt in den Printmedien, soweit sie einen Tarifvertrag haben, für alle, die mit Text- beziehungsweise Mediengestaltung zu tun haben.

Und wie verhält es sich mit den Redakteuren?

Die Redakteure haben einen eigenen Tarifvertrag, der sich aber natürlich nur auf die Produktion der Inhalte erstreckt. Wir haben heute mitunter tarifrechtlich den Streitfall, dass Verlage ihre Online-Redakteure nicht als Redakteure sehen, sondern als Techniker. Das ist Unfug, aber die Verlage ersparen sich dadurch zum Beispiel das teure Presseversorgungswerk.

Die Setzer hatten es somit geschafft, in den neuen Produktionsprozess im Fotosatz integriert zu werden. Doch wie war das beim Übergang vom Fotosatz zu DTP? Hat man gewartet, bis alle Betroffenen im Ruhestand waren? Hat man keinen Nachwuchs mehr ausgebildet?

Die Gewerkschaft hat engagiert dafür gekämpft, dass die Fachkenntnisse der Druckvorstufe auch im DTP-Prozess absolut notwendig sind. Dafür wurden wir als Maschinenstürmer belächelt. In der ersten Euphorie entwickelte sich in vielen Betrieben die Vorstellung von der eierlegenden Wollmilchsau. Denn die neue Technik ermöglichte es, viele hoch qualifizierte Berufsbilder an einem Arbeitsplatz zusammenzuführen, obwohl die Arbeit nach wie vor unterschiedliche handwerkliche Techniken erforderte.

Heute haben viele Verlage erkannt, dass es sinnvoller ist, die unterschiedlichen Qualifikationen, die die Texterstellung und die Gestaltung von Medien erfordern, nicht von ein und derselben Person zu erwarten. Der Übergang zur DTP-Technik hat für die Betriebe das Outsourcing relativ leicht gemacht. Umgekehrt haben sich die Möglichkeiten von Selbstständigen vergrößert. Jeder kann heute von einem einzigen Arbeitsplatz aus und zu einem überschaubaren Herstellungspreis sein eigener Verleger werden oder sich als Dienstleister anbieten. Die Honorarentwicklung ist eine andere Frage.

Werden Redakteure für ihre zusätzlichen technischen Aufgaben speziell ausgebildet?

Das Hohelied der Fortbildung wird allenthalben gesungen. Die Realität ist: Bei festen Mitarbeitern findet gezielte Weiterbildung aus Kostengründen meist nur dann statt, wenn sie unumgänglich ist. Für Freiberufler ist der jeweils aktuellste Wissensstand überlebensnotwendig. Von ihnen wird auf jeden Fall erwartet, dass sie beide Bereiche, den inhaltlichen und den technischen, beherrschen. Das Problem dabei ist, dass Freiberufler ihre Weiterbildung selbst finanzieren müssen, der Aufwand sich aber in den Honoraren nicht ansatzweise widerspiegelt.

Wie hat die Umstellung der Zeitungsgestaltung Ihrer Meinung nach die Qualität beeinflusst?

Zum Teil war diese Umstellung schon mit einem deutlichen Qualitätsverlust bei Inhalten und Genauigkeit verbunden. Korrekturprogramme allein nützen eben nichts. Zeitungen werden zudem unter einem enormen Zeitdruck produziert. Da schleichen sich Fehler ein, Berichte erscheinen in ein und derselben Ausgabe zweimal, oder es werden Überschriften vertauscht. Es gibt häufig keine Korrektoren und keine Endkontrolle mehr. Im Augenblick herrscht jedoch in vielen Zeitungshäusern die Tendenz, wieder mehr auf den Inhalt zu achten, um die eigene Reputation nicht zu verspielen. Man beginnt zu erkennen, dass die Lösung der Kostenfrage allein nicht ausreicht, um die Zukunft der Mediengattung zu sichern.

Nochmals zurück zur Eingangsfrage: Die Ablösung des Bleisatzes durch den Fotosatz war also trotz der heftigen Arbeitskämpfe eher eine sanfte Revolution. Sowohl für die betroffenen Berufsgruppen als auch für den Konsumenten, der von der technischen Umstellung wenig mitbekam. Wie war das bei der Umstellung von Fotosatz auf DTP?

Sie bedeutete für die Mitarbeiter einen wesentlich schärferen Einschnitt. Im Arbeitsbereich Herstellung sind mindestens sieben bis acht qualifizierte Berufsbilder entfallen. Wir haben uns schon sehr früh dieser Entwicklung gestellt und in verschiedenen regionalen Projekten und mit unterschiedlichen Projektpartnern die Umschulung der Fachkräfte vorangetrieben. Gemeinsam mit dem Arbeitgeberverband Druck und Medien wurde für die Branche ein Qualifizierungsprogramm entwickelt und das neue Berufsbild Mediengestalter geschaffen. Unter dem Strich führte DTP zu einer erheblichen Arbeitsverdichtung, teilweise zu Überforderung - durch das Umkrempeln der Arbeitsorganisation auch an ganz neuen Stellen, etwa der Redaktion.

Und wie war die Reaktion der Redakteure auf die zusätzlichen Aufgaben?

Die jungen, technikbegeisterten Redakteure sagten: Prima, wir machen alles mit. Viele von den älteren, berufserfahrenen Kollegen meinten dagegen: Lasst die Finger von der Gestaltung, bei uns geht es ums Texteschreiben. Heute hat sich auch der letzte Redakteur der Tatsache gebeugt, dass es kein Manuskript auf Papier und keine Texterfassung mehr gibt, sondern dass jeder selbst seinen Beitrag in ein feststehendes Layout einpassen muss. Redakteuren Technik- und Gestaltungsaufgaben aufzudrücken, bleibt ein Rationalisierungsreservoir und damit eine latente Gefahr.

Wir haben unser Interview unter das Motto “Bleistaub versus Zeitdruck” gestellt. Die Maschinensetzer hatten ja eine große Berufsehre. Aber war ihr Arbeitsplatz nicht sehr ungesund? Verklärt da nicht die Erinnerung an die “gute alte Zeit” so manches?

Die Arbeitsbedingungen waren gar nicht schön. Die Maschinen haben einen Höllenlärm gemacht und die Handhabung der Setzmaschinen war eine körperlich schwere Arbeit. Dennoch hatten die Maschinensetzer ein ausgeprägtes Standesbewusstsein, das auf einer langen Tradition beruhte. Und dann hatte die Technik gegenüber der Redaktion immer auch eine gewisse Macht. Schließlich waren es die Setzer, die dafür sorgten, dass der Text auf die Zeile genau ins Blatt kam. Die Redakteure haben die Technik gebraucht, nicht umgekehrt.

Hat die Technik uns heute zu sehr im Griff? Sind wir zu sehr damit beschäftigt, uns alle möglichen technischen Fähigkeiten anzueignen? Denken wir zu wenig an die Inhalte?

Technik lässt sich nun einmal nicht aufhalten. Außerdem kann so eine Technik wegen der vielen Möglichkeiten, die sie eröffnet, auch Spaß machen. Man kann heute eine ganze Zeitungsseite innerhalb von zwei Minuten völlig umbauen. Und es ist faszinierend, wenn man das Ergebnis seiner Arbeit sofort sieht. Nur nützt das alles nichts, wenn der Inhalt nichts taugt. Es gibt noch viele Print- und Onlineanbieter, die sich dieser Erkenntnis verweigern.

In diesem Zusammenhang noch einmal zu den freien Mitarbeitern. Welche Anforderungen müssen sie erfüllen, um auf dem Markt eine Chance zu haben?

Sie müssen trotz magerer Honorare hoch professionell arbeiten, entweder mit einem Spezialgebiet glänzen oder ein breites Portfolio an Dienstleistungen bieten.

Hat der Freie überhaupt Möglichkeiten, seine Vorschläge bezüglich der Gestaltung einer Zeitung umzusetzen?

Nein, der Freie muss sich dem jeweiligen Redaktionssystem anpassen. Für die Verlage ist er Dienstleister. Um auf Dauer auf dem Markt zu bestehen, braucht es deshalb auch bei den Freien so etwas wie gewerkschaftliche Strukturen und Selbstorganisation. Dies wäre der einzige Weg, den Unterbietungswettbewerb zu stoppen.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Wird es nach den beiden Meilensteinen in der Entwicklung der Zeitungsgestaltung in den 70er und 90er Jahren in etwa zehn Jahren einen weiteren Meilenstein geben? Werden wir uns dann überhaupt noch Gedanken über die Gestaltung der gedruckten Zeitung machen müssen oder wird jeder zum Frühstück nur noch seine RSS-Feeds aus dem Internet abrufen?

Hier ist das Meinungsspektrum derzeit ganz breit, und es ist offen, wie die Meinungsfindung zu Ende gehen wird. Die Einschätzung ist zum Teil generationsabhängig. Die Jungen sehen das viel unkomplizierter. Sie haben einen anderen Zugang zur Technik. Für sie sind Diskussionen um Gestaltung nachrangig und eigentlich in ihrer Wahrnehmung kein Thema. Dennoch schätzen sie durchaus bestimmte Formen der Gestaltung, wie das Beispiel von jetzt.de (Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung) zeigt.

Gravierend anders aussehen wird die gedruckte Zeitung der Zukunft, zumindest meiner Meinung nach, nicht. Da sind höchstens noch dem Zeitgeist geschuldete Änderungen zu erwarten. Der einzige massive Einbruch könnte geschehen, wenn sich ein neues Trägermedium durchsetzt, sprich E-Paper statt gedruckter Zeitung. Dann werden sich natürlich auch die Diskussionen über einzelne Gestaltungselemente erübrigen, weil ein anderes Medium anderen Gesetzen gehorcht.

Muss die Zeitung also doch mit der Furcht leben, eines Tages wie der Maschinensetzer im Museum zu landen?

Das glaube ich nicht. Die Menschen werden beim Lesen immer etwas in der Hand halten wollen. Aber es wird vor allem auf den Inhalt ankommen, nicht nur auf die Gestaltung. Es darf in der Zeitung nicht nur das stehen, was der Leser ohnehin aus dem Internet kennt.

Die Zeitung muss also nicht das Schicksal der Zigarette teilen, sondern wird als sinnliches Vergnügen im Kaffeehaus überleben?

Mir ist nicht bange um die Notwendigkeit von Zeitungen. Zumal die Informationsmasse immer unübersichtlicher wird und die Zeitung für den Menschen auch eine Orientierungshilfe darstellt. Sie gilt als zuverlässigstes Medium. Es wird natürlich Menschen geben, denen es nur um die Inhalte geht und für die Haptik und Gestaltung keine Rolle spielen. Umgekehrt wird es für andere immer wichtig sein, dass sich Informationen gerade durch ihre optische Gestaltung, ihre “Anfassbarkeit” und Zuverlässigkeit aus dem Dschungel der Nachrichten hervorheben. Da wird immer Platz für die Zeitung sein.

Kontakt: Mailkontakt zu Bernd Mann