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Diese Seite: Interviews » Interview mit Ranga Yogeshwar
Der Boom der Wissensmagazine
Interview aus dem Buch "Wissenschafts-Journalismus"

Es gibt gegenwärtig einen Boom von Wissenschaftssendungen im Fernsehen. Wie ist der zu erklären?

Ranga Yogeshwar: Da ist zunächst eine Unterlassungssünde der Vergangenheit. Es gab einfach zu wenig Wissenschaftssendungen und dementsprechend musste man einiges nachholen. Daneben sehen wir auch bei den Privatsendern eine Reihe von Wissenssendungen. Da liegt vermutlich der Fall ein bisschen anders, denn dort erlebt man eine gewisse Sättigung der bisherigen Programme. Es gibt jede Menge Talkshows, jede Menge Soap Operas. Man brauchte noch andere Farben, um sich gegenüber der Konkurrenz abzusetzen. Eine Idee waren die so genannten Wissensmagazine, die eigentlich, wenn man sie sich etwas genauer und auch vielleicht etwas kritischer anschaut, nicht den Kriterien einer Wissenschaftssendung entsprechen. Es sind tatsächlich eher Boulevardsendungen, die nur verkleidet als Wissenschaftssendungen daher kommen.

Heißt das nicht auch für die öffentlich-rechtlichen Sender, dass sie sich mehr in Richtung Boulevard orientieren müssen?

Ranga Yogeshwar: Nach meiner persönlichen Auffassung dürfen wir das eigentlich nicht tun. Es würde bedeuten, dass sich das Fernsehen selbst entmündigt. Wir wären nicht mehr in der Lage, neben aller Unterhaltung auch noch ernstere Noten zu spielen. Ich glaube eher, wir sollten das Gegenteil tun. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben einen Auftrag und wir sollten diesen Auftrag auch offensiv und mit Stolz vertreten. Wir sollten uns klar dazu bekennen, dass wir auch diese Funktion haben: nämlich Wissenschaft in einem Massenmedium wie dem Fernsehen darzustellen und der Bevölkerung Bildung und Orientierung zu ermöglichen.

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Die öffentlich-rechtlichen Sender berichten über Wissenschaft, die privaten vermitteln Wissen - ist das der Unterschied?

Ranga Yogeshwar: Na ja, wenn ich die Produktion von Glasbausteinen in einer Fabrik Schritt für Schritt verfolge, weiß ich nicht, ob das "Wissen" ist. Ich glaube, dass viele junge Menschen, die sich zum Beispiel "Galileo" und ähnliche Sendungen anschauen, einem gefährlichen Trugschluss unterliegen, wenn sie glauben, das sei Wissen oder das sei Wissenschaft. Wir sind offenbar dabei, einige Begriffe medial neu zu definieren. "Wissen" im Fernsehen ist nicht notwendigerweise deckungsgleich mit dem, was wir ansonsten in einer Kultur unter Wissen verstehen.

Können die öffentlich-rechtlichen Sender den Anspruch noch aufrechterhalten, wirklich Wissenschaft zu vermitteln?

Ranga Yogeshwar: Sie müssen mitunter dran erinnert werden, dies zu tun. Das große Problem sind natürlich die Zuschauerquoten und Akzeptanzwerte. Ein öffentlich-rechtlicher Sender muss die Gratwanderung schaffen, auf der einen Seite ein Breitenmedium zu bleiben und nicht zu einem Insiderprogramm für Minderheiten zu mutieren, aber auf der anderen Seite diese Breitenwirkung noch mit Inhalt zu füllen.

Wie hat sich die Wissenschaftsberichterstattung im Fernsehen (insbesondere im öffentlich-rechtlichen Fernsehen) verändert im Laufe der letzten Jahre oder Jahrzehnte?

Ranga Yogeshwar: Die Wissenschaftsberichterstattung spiegelt natürlich auch das wider, was in der Gesellschaft passiert ist. Wir erleben eine, wie ich finde, doch erschreckende Entpolitisierung der Gesellschaft. Die Themen werden weit weniger hinterfragt als noch vor 10 Jahren. Ich mache das mal deutlich an der Datenerfassung biometrischer Persönlichkeitsmerkmale im Kontext des neuen Personalausweises. Diese Entwicklung hätte vor 10 oder 15 Jahren zu einer hitzigen Debatte geführt. Heute wird sie unter dem Deckmantel der "Sicherheit" seltsam still akzeptiert. Früher hätte man sehr viel heftiger gefragt: Freunde, was erzählt ihr uns da, wo sind die Beweise, wo sind die Belege, wie kann man das journalistisch nachvollziehen?

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Hat sich auch die Erzählweise des Fernsehens verändert, mehr Faszination durch Bilder, mehr faszinierende Storys?

Ranga Yogeshwar: Die Wissenschaftssendungen der ersten Stunde lebten von Bildern, die man bis dato nie gesehen hatte. Man denke an Jacques Cousteau, man denke an die Mondlandung. Solche Bilder sind mittlerweile bekannt, sie sind Allgemeingut geworden. Wirklich überraschende Bilder kommen heute wahrscheinlich eher aus der Werbung als aus der Wissenschaft. Das heißt, die Wissenschaft hat nicht mehr das Privileg, nie gesehene Bilder zeigen zu können. Aber die Wissenschaft kann uns neue Gedanken, neue Ideen vermitteln. Nur: Ideen und Gedanken sind mehr als Bilder. Und das Problem ist, dass in unserer medialen Gesellschaft den meisten Menschen die Bilder schon reichen.

Ist das Medium Fernsehen dann überhaupt geeignet, Wissenschaft zu vermitteln?

Ranga Yogeshwar: Das Fernsehen ist in seiner Struktur immer ein "passives" Medium gewesen. Es lässt die Zuschauer weitgehend passiv, kann sie höchstens zu einer Aktivität anregen. Das Fernsehen kann uns stimulieren, uns mit Wissenschaft zu befassen. Es kann vielleicht dem einen oder anderen auf einer gewissen oberflächlichen Ebene Zusammenhänge darlegen. Aber den nächsten Schritt, das aktive Nachdenken, was nämlich die Qualität von Wissenschaft ausmacht, das kann das Fernsehen nicht übernehmen.

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Wenn sich junge Leute für Wissenschaftsjournalismus, insbesondere für den Fernseh-Wissenschaftsjournalismus interessieren: Was muss man mitbringen, um ein erfolgreicher Autor oder Redakteur im Fernsehen für Wissenschaftssendungen zu werden?

Ranga Yogeshwar: Also, ich wäre zunächst skeptisch, wenn man gegenüber jungen Menschen vom "Fernsehen" spricht. Wir leben in einer Zeit des Wandels. Es ist nicht auszuschließen, dass in zehn, fünfzehn Jahren die Medienlandschaft, auch was die Distributionswege betrifft, sich völlig verändert hat. Vielleicht reden wir dann über völlig andere Arten der Wissensvermittlung. Vielleicht gibt es dann irgendein digitales, mobiles Fernsehen oder eine Vielzahl von spezialisierten Kanälen. Insofern glaube ich, dass junge Menschen offen sein müssen, immer wieder neue Wege zu gehen.
Sie sollten aber darüber hinaus wissen, dass es speziell in der Wissenschaftsberichterstattung immer wieder um einen Vermittlungsprozess geht. Wichtig ist die Fähigkeit, ein sehr komplexes Feld zu durchleuchten, mitunter kritisch zu begleiten und es verständlich zu vermitteln. Diese Qualität wird es meines Erachtens auch noch in einem oder zwei Jahrzehnten geben müssen.

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Welche Themen sind fürs Fernsehen geeignet - oder umgekehrt gefragt, sind eigentlich alle Themen geeignet?

Ranga Yogeshwar: Es gibt Themen, deren Charme sich dem Fernsehen entzieht. Mathematik zum Beispiel ist medial eigentlich kaum vermittelbar, aber ein unglaublich spannendes Feld. Wir müssen uns, wie auch in vielen anderen Lebensbereichen, davon verabschieden, dass das Fernsehen ein Abbild der Wirklichkeit ist. Es verzerrt die Wirklichkeit. Es zeigt Ausschnitte, die eben in gewisser Weise gut transportierbar sind, die mit Bildern belegt werden können. Und vieles in der modernen Wissenschaft läuft nicht auf der Ebene von Bildern, sondern spielt sich im Abstrakten ab, wo es keine Bilder gibt.

Wie sieht eine gute Story fürs Fernsehen aus?

Ranga Yogeshwar: Eine gute Story? Es gibt kein Patentrezept. Aber ich glaube, man muss etwas zu sagen haben. Wenn Storys nichtssagend sind, langweilen sie mich - und vielleicht auch andere.

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Die Fragen stellte Winfried Göpfert