Econ-Logo
Gelbe Reihe Gelbe Reihe
Bestellen
Wirtschaftsjournalismus


Björn Sievers
Björn Sievers
Foto: Sonia Grimm

Dynamik in der Medienbranche: vom Print weg zum Onlinejournalismus


Interview mit Björn Sievers, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und Finanzen bei Focus online

Björn Sievers ist stellvertretender Ressortleiter der Abteilung Wirtschaft und Finanzen bei Focus Online und lehrt als Dozent an der UMC Potsdam. Zuvor arbeitete er als Redakteur bei der Deutschen Nachrichtenagentur (ddp) in Berlin und Magdeburg im Bereich Technologie und IT.

Welche Rolle spielt der Online-Bereich im Wirtschaftsjournalismus?

Wir befinden uns an einem Scheidepunkt. Insgesamt ist die Zahl der Journalisten, die in den Onlinemedien arbeiten, immer noch geringer ist als in den Print- oder den klassischen elektronischen Medien. Dies ändert sich gerade. Die großen Geschichten werden derzeit meist noch über die "alten" Medien gespielt. Online ist häufig nur Zweitverwerter. Doch durch die stärkere Verbreitung von Internetanschlüssen bekommt der Onlinejournalismus eine immer größere Dynamik.

Wie sehr wird dieser Bereich die anderen Medienkanäle verdrängen?

Es wird eine Verschiebung vom Print- zum Onlinejournalismus geben. Das zeichnet sich jetzt ab. Ich bezweifle aber, dass die alten Medien wirklich nachhaltig verdrängt werden. So glaube ich nicht, dass die überregionalen Medien sehr große Probleme bekommen werden, weil sie sehr starke Marken haben. Wenn sie sich halbwegs klug anstellen, können sie die Entwicklung gut überleben. Ich weiß aber nicht, was mit den regional ausgerichteten Medien passiert. Denn der Markt wird insgesamt enger. Wir buhlen alle um einen ähnlich großen Werbekuchen und um die Aufmerksamkeit einer weitgehend konstanten Zahl von Menschen.

Inwiefern unterscheidet sich der Online-Bereich von den anderen Mediensparten?

Online ist - wenn es gut ist - genauso schnell wie Radio. Meistens sind wir sogar schneller, weil das Radio in bestimmte Formate gezwängt ist und es Nachrichten nur zur vollen Stunde gibt. Der Online-Bereich kann tiefgründiger sein, weil wir unmittelbar die Vorgeschichte und Hintergrundinformationen anbieten können. Zudem werden die Artikel ständig aktualisiert. Das Radio kann dies nur bedingt machen. Die Printmedien sind an den Rhythmus ihres Erscheinens gebunden. Sie müssen einen Mehrwert über die reine Information hinaus bieten, wenn sie am nächsten Tag noch gelesen werden wollen.

Sie waren zuvor Agenturjournalist. Inwiefern unterscheidet sich dieser Bereich von Ihrem momentanen Aufgabenfeld?

Der größte Unterschied besteht für mich in der direkten Interaktion, die ich als Onlineredakteur mit den Lesern habe. Das heißt, ich kann jederzeit auswerten, zunächst einmal quantitativ, wie viele Menschen meine Artikel lesen. Wir bekommen sehr viele Leserzuschriften, die wir möglichst zeitnah und umfassend zu beantworten versuchen. Diese direkte Interaktion hat man als Agenturjournalist äußerst selten.

Welche neuen Konzepte werden bei Focus Online ausprobiert?

Wir haben vor einiger Zeit Focus Life gestartet. Das ist eine Photo- und Video- Community. Hier können Nutzer ihre Bilder und Videos hoch laden, mit Stichworten versehen und sich dann bei Focus Life Bilder anderer Nutzer anschauen, zum Beispiel von der Fußball-WM. Insgesamt bauen wir die Community-Komponenten weiter aus. Das heißt, es gibt vor allem Kommentarfunktionen zu den einzelnen Meldungen. Wir probieren aus, in welcher Form wir stärker in Interaktion mit unseren Lesern gehen können.

Worin bestehen die wesentlichen Aufgaben des Online-Journalisten? Muss man HTML oder andere Programmiersprachen können?

HTML müssen Journalisten bei Focus-Online nicht mehr beherrschen. Es gibt lediglich einige wenige HML-Befehle, die wir in unsere Texte einfügen, eigentlich nur um Dinge kursiv zu stellen oder zu fetten. Bei modernen Redaktionssystemen kann man einfach seinen Text ins System hinein stellen, das den Rest quasi automatisch regelt.

Public Relations(PR) nehmen einen immer größeren Stellenwert ein. Lutz Frühbrodt beschreibt in seinem Buch das Spannungsverhältnis zwischen Journalismus und PR. Worin besteht für Sie die Problematik?

Es existiert sicher ein Interessenkonflikt. Der PR-Manager "verkauft" sein Unternehmen, für das er entweder direkt arbeitet oder indirekt über eine Agentur. Als Journalist sind Sie dagegen ihren Lesern gegenüber verantwortlich. Ganz oben stehen die Pressefreiheit und der Anspruch auf Objektivität. Klaus Cocks, der ehemalige Kommunikationschef von VW, hat einen sehr treffenden Satz gesagt: "Ein kluger Journalist nutzt PR, ein nicht so kluger wird von der PR benutzt." Das trifft es gut. Wir kommen nicht völlig ohne PR aus. Ich halte auch nichts davon, Pressemitteilungen zu verteufeln. Sie liefern uns Informationen. Probleme entstehen dann, wenn sie unser alleiniger Informationslieferant sind und wir sie unkritisch betrachten. Aber wir sollten das Material auf jeden Fall als ein Teil der Recherche nutzen.

Um das Jahr 2000 herum haben viele Medien, besonders aus dem Printbereich, schon einmal Online-Offensiven gestartet - letztlich mit mäßigem Erfolg. Worin liegt der Unterschied der heutigen Online-Konzepte zu den damaligen?

Ich glaube, dass man sich damals im Rausch der New Economy falsche Vorstellungen davon gemacht hat, mit welcher Geschwindigkeit sich der Online-Journalismus entwickeln würde. Heute ist der Markt nicht nur größer, auch die Herangehensweise ist realitätsorientierter: Es wird stärker auf die Rentabilität geachtet. Die Wachstumsraten sind enorm.

Das Gespräch führte Sonia Grimm.

Autor:
Lutz Frühbrodt
Text und Gestaltung:
Sonia Grimm, Sigrid Fiebig,
Michael Böhm
Technische Umsetzung:
Sonia Grimm
Impressum