
Christoph Keese gehört zu den profiliertesten Wirtschaftsjournalisten Deutschlands. Keese war von 2001 bis 2004 Chefredakteur der "Financial Times Deutschland". Heute leitet er die "Welt am Sonntag" und "Welt online". Sigrid Fiebig und Michael Böhm sprachen mit Keese darüber, wie er sich modernen Wirtschaftsjournalismus und den idealen Wirtschaftsjournalisten vorstellt.
Die Wirtschaftsmedien hierzulande sind schneller, aktueller geworden, und sie stellen weniger Zugangsvoraussetzungen als früher. Der Leser braucht heute nur noch eine gesunde Neugierde mitzubringen, alles andere liefert ihm die Zeitung. Das bedeutet auch, dass lebendiger geschrieben und jeder Fachbegriff erklärt wird. Die Medien wollen inzwischen auch ein anderes Publikum ansprechen. Früher wurden Wirtschaftsmedien hauptsächlich für Manager gemacht, weshalb diese auch fast immer dabei gut weg kamen. Heute richten sich Blätter wie die Financal Times Deutschland (FTD) zwar auch an Manager, viel stärker jedoch an die Eigentümer der Unternehmen, die Aktionäre, um deren Geld es schließlich geht. Das ist eine vollkommen andere Sichtweise, die auch zu der Einsicht führen kann, dass ein Manager, der mit dem Eigentum Anderer schlecht umgeht, abgelöst werden muss.
Zweifellos eine sehr große. Bis im Jahr 2000 die Financal Times Deutschland (FTD) auf den Markt kam, hatte das Handelsblatt eine Monopolstellung unter den Wirtschaftstageszeitungen inne. Nach dem Markteintritt der FTD konnte man fast lehrbuchreif sehen, wie auch diese Zeitung damit begann, Themen spannender aufzubereiten.
Er muss extrem sachkundig sein und auf Augenhöhe mit seinen Informanten reden können. Er sollte sich dabei auf Vorstandsvorsitzende und Aufsichtsräte konzentrieren, weil nur die den völligen Überblick haben. Außerdem muss der ideale Wirtschaftsjournalist vollkommen integer und absolut unbestechlich sein. Ihn zeichnet ein ausgesprochener Hunger auf Nachrichten aus - getreu dem Motto der Financial Times: "News is something someone somewhere does not want to see." Kurz: Der Journalist recherchiert etwas, das andere nicht gedruckt sehen wollen. Diese Beißlust und Suchwut zeichnen einen guten Wirtschaftsjournalisten aus. Und: Er muss flexibel sein, alle vier bis fünf Jahre radikal das Themenfeld wechseln, da er sich nur so den Blick für Neues bewahren kann.
Die wichtigste Frage, die sich die Redaktionen heute stellen müssen, lautet: Welche Themengebiete wollen wir überhaupt abdecken? Es gilt also zu selektieren. Denn die Branchen, über die man berichtet, sollte man vernünftig, wenn nicht gar exzellent darstellen - andernfalls gar nicht. Durch diese Konzentration können Reporter auf ihren Themenfeldern letztlich doch intensiv recherchieren. Die journalistische Unabhängigkeit lässt sich sichern, in dem man integere Menschen auswählt und sehr strenge ethische Regeln aufstellt. Geschenke abzulehnen, gehört ebenso dazu wie der Grundsatz, keine Aktien an den Unternehmen zu halten, über die man berichtet. Ich bin sogar der Meinung, dass Journalisten überhaupt keine Aktien besitzen und ihr Geld ausschließlich dort anlegen sollten, wo die Nachfrage nicht den Kurs bestimmt, zum Beispiel bei Investmentfonds. Bei einem Wirtschaftsjournalisten, der Aktien besitzt, besteht hingegen immer ein Verdacht.
Er muss aufpassen, dass er nicht zum Akteur wird und Beobachter bleibt. So etwas hat es schon gegeben. Ich erinnere nur an den Fall "Prior Börsenbrief", wo sich ein Kollege hat einspannen lassen, allerdings mit einem kriminellen Motiv. Andererseits ist der Prozess dahin schleichend. Er könnte schon damit anfangen, dass man einen Anruf von jemanden erhält, der einen fragt: Müssen Sie das unbedingt jetzt schreiben? Wäre es für Sie nicht besser in drei Tagen? Dieses Spannungsverhältnis ist sogar noch etwas brisanter als im politischen Journalismus, wo man dementieren kann und es außerdem nicht in diesem Maße um Geld geht. Eine Unternehmensgeschichte, gut und schnell recherchiert, kann den Aktienkurs schon mal um fünf bis zehn Prozent nach oben oder unten bewegen. Da kann es sich mitunter um Milliarden von Euro handeln.
Die Gefahr ist sehr groß. Zwar nicht auf dem Bestechungswege, das wäre noch am einfachsten zu kontrollieren, sondern über die Information. In der Auto- oder Luftfahrtindustrie oder auch auf kommunaler Ebene stehen dem Journalisten bei einer Themenrecherche drei oder vier Mal so viele Pressesprecher gegenüber. Und hier kommen dann die Public Relations zum Zuge. Deren Kunst ist es ja, Themen in ihrem Sinne zu lancieren. Unsere Kunst besteht darin zu fragen, was der Absender damit erreichen will. Kritisch zu bleiben. Das Thema aufzunehmen, aber es selber so aufzubereiten, dass man sich unabhängig von dem macht, was die PR beabsichtigt.
Exklusivität ist sehr wichtig. Nachrichten sollten ein "must read" sein: Der Leser muss das Gefühl haben, das Haus nicht verlassen zu können, ohne die Zeitung gelesen zu haben. Andernfalls könnte er auf aktuelle Geschehnisse angesprochen werden, von denen er noch gar nichts weiß - sei es der Konkurs eines Konkurrenten, die Zahlungsschwierigkeiten eines Lieferanten oder ein neues wichtiges Produkt. Dagegen sind Kommentare ein "can read".
Ehrlich gesagt durch Zufall. Eigentlich bin ich der typische Abiturient mit Deutsch und Englisch im Leistungskurs. Mich interessierten Sprache und Literatur. Ich habe Germanistik in Frankfurt studiert, weil ich unbedingt auf die Goethe-Universität wollte - zu jener Zeit war ich glühender Goethe-Anhänger. Im Studium fühlte ich mich aber etwas unwohl wegen der wenigen Wochenstunden. Ich entschied mich für einen Bereich, der mir überhaupt nicht zu liegen schien, nämlich Mathematik, verbunden mit Wirtschaft: Volkswirtschaft. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich den Zugang dazu finden würde, musste mich auch lange quälen, aber es gelang mir gut. Ich bin dann auf die Journalistenschule Henri Nannen gegangen und arbeitete später bei der Berliner Zeitung im Medienressort. Und als uns der Chef der Wirtschaftsredaktion abhanden kam, wurde ich gefragt, ob ich nicht das Ressort übernehmen wolle.
Sie sollten eine Journalistenschule absolvieren und Schreiben lernen. Das bekommt man ja an der Universität bekanntlich eher ausgetrieben. Ein Volontariat ist heute nahezu unabdingbar. Bei Axel Springer, Gruner & Jahr oder dem Süddeutschen Verlag ist es in die Journalistenschule integriert. Ich würde aber auch dazu raten, vorher oder danach zu studieren, damit sie ein Themengebiet haben, auf dem sie sich gut auskennen. Volkswirtschaft bietet sich hierfür an. Hier lernt man, sich mit den großen Fragen der Menschheit auseinanderzusetzen, zum Beispiel wie Wohlstand und Arbeitslosigkeit entstehen. Ich finde, die Volkswirtschaftlehre hat außerdem eine poetische Komponente, weil sie Interpretationsspielraum zulässt. Das ist praktisch so wie bei guter Literatur - sie ist mehrdeutig.
Ich halte es für ein ausgesprochenes Vorurteil, dass sich Frauen nicht für Wirtschaft interessieren würden. Ganz im Gegenteil. Untersuchungen haben ergeben, dass Frauen 70 Prozent der finanziell wirksamen Entscheidungen in Privathaushalten treffen. Außerdem schreiben und kommunizieren sie oft besser als Männer. Mir liegt seit jeher viel daran, Frauen zu fördern. Mittlerweile haben wir bei der Welt am Sonntag bis in die Führungsetage hinauf einen Frauenanteil von 40 Prozent erreicht - das ist wohlgemerkt keine Quote, sondern ein Anteil. Bei der Financal Times Deutschland war das genauso. Das heißt aber nicht, dass ich eine Redaktion überwiegend mit Frauen besetzen würde. Ich denke am besten ist eine gesunde Mischung.
Die Zeitung wird nicht verschwinden, aber der Online-Sektor wird radikal wachsen - vor allem getrieben vom Werbegeschäft. Zur Zeit macht der Werbeanteil 25 Prozent bei der Zeitung und fünf Prozent beim Online-Geschäft aus. Letzteres verzeichnet hohe Umsatzzuwächse, und dies wird sich auch so fortsetzen. Damit werden dort eine ganze Reihe neuer Arbeitsplätze entstehen. Für junge Kollegen, die gerade mit der Ausbildung fertig geworden sind, bietet sich das natürlich an dort einzusteigen. Zugleich lässt sich aber beobachten, dass sich noch vor fünf Jahren die meisten namhaften Journalisten bei den Printmedien zu Hause gefühlt haben. Mittlerweile hat sich das gewandelt: Es wechseln viele Journalisten zum Internet, um begeistert Webblogs zu machen. Künftig wird der Journalist über verschiedene Kanäle sein Thema präsentieren - in Tages- oder Wochenzeitungen, Online oder als Internet-Video. Es gilt also: "One brand, all media!" Das heißt, der Fachmann steht im Mittelpunkt. Einen Drei-Minuten-Videoblog pro Tag könnte für manchen Kollegen reizvoll sein, um ein Star in einer Community zu sein.
Das Interview führten
Sigrid Fiebig und Michael Böhm.
| Autor: Lutz Frühbrodt |
Text und Gestaltung: Sonia Grimm, Sigrid Fiebig, Michael Böhm |
Technische Umsetzung: Sonia Grimm |
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