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Zunächst sollten Sie einen Rechercheplan entwickeln, den Sie im Laufe Ihrer Arbeit allerdings flexibel handhaben sollten, denn nicht selten ergeben sich neue Anhaltspunkte, Sachstände und Erkenntnisse. In aller Regel wird zunächst Material gesammelt (Medienarchiv etc.), um sich ins das Thema einzuarbeiten und um gut vorbereitet zu sein für die folgenden Gespräche mit den Recherchepartnern.
Im Mittelpunkt des Plans steht eine Liste mit den Gesprächspartnern, die Sie für Ihr Thema benötigen. Sprechen Sie zunächst mit den direkt Betroffenen. Sofern vorhanden, sollten Sie aber auch in jedem Fall die Gegenseite anhören. Dies gebietet die journalistische Sorgfaltspflicht. Definieren Sie ein klares Erkenntnisinteresse ("Was will ich herausfinden?"), und stellen Sie dazu eine oder mehrere Arbeitshypothesen auf, die Sie durch Ihre Recherche überprüfen.
Fragenkatalog aufstellen. Gespräche sollten gut vorbereitet sein, zumal sie sich im Regelfall nicht wiederholen lassen. Stellen Sie deshalb einen Fragenkatalog auf - entweder mit präzisen Fragen oder zumindest Stichworten zu Aspekten, über die Sie reden möchten.
Sich identifizieren. Bei der Telefonrecherche - der mit Abstand häufigsten Form der Recherche - sollten Sie Ihren Namen und das Medium, für das Sie arbeiten, nennen. Und natürlich den Anlass Ihres Anrufs, wobei Sie sich am Besten auf die bisherige publizistische Darstellung des Sachverhalts beziehen (Pressemitteilung, Beitrag in anderem Medium etc.). Sofern Sie keine Pressestelle anrufen, fragen Sie höflich an, ob der Gesprächspartner Zeit für Sie hat - vor allem wenn Sie ihn mobil anklingeln.
Recherchieren Sie nur verdeckt, wenn sich nur so ein Ergebnis erzielen lässt. Verdeckte Recherchen sind dort unproblematisch, wo die Rolle, die sie in einem Fall annehmen, auch authentisch ist, obgleich Sie eben auch noch Journalist sind. Zum Beispiel als Kunde.
Anfragen per Mail eignen sich nur, um einen Gesprächstermin zu vereinbaren, wenn der Recherchepartner nicht erreichbar ist. Oder um kurze Sachfragen zu stellen. Bei darüber hinaus gehenden, inhaltlichen Anfragen besteht indes die Gefahr, mit vom Pressesprecher vorformulierten PR-Floskeln abgespeist zu werden, die man wahrscheinlich ohnehin in der Pressemitteilung zum Thema nachlesen kann.
Den Recherchepartner persönlich treffen oder nur mit ihm telefonieren? Dies hängt von verschiedenen Kriterien ab. Wahrscheinlich das Wichtigste: Im Rahmen eines persönlichen Gespräch können Sie leichter das Vertrauen Ihres Recherchepartners gewinnen - er sieht Sie und kann sie so besser einschätzen. Im Regelfall wird er dann auch offener sein. Ein persönliches Gespräch bietet sich auch dann an, wenn Sie womöglich häufiger mit dem Recherchepartner zu tun haben werden. Nach einem solchen "Kennenlern-Treffen" lassen sich dann durchaus auch sehr offene Telefongespräche führen. Schließlich spielt der Faktor Zeit eine Rolle: Anrufen bei kurzen Gesprächen, besser persönlich treffen bei langen, intensiven Interviews.
Seriöses Outfit. Viele Journalisten sehen sich als Bohémiens - und kleiden sich auch entsprechend. In der Welt der Wirtschaft spielt dagegen das Repräsentieren (man könnte auch sagen: der schöne Schein) eine große Rolle, weshalb Anzug, Hemd und Krawatte beziehungsweise ein Kostüm, Modell Geschäftsfrau, und Make-up bei Managern obligatorisch sind. Journalisten genießen zwar eine gewisse Narrenfreiheit, die manch Manager vielleicht sogar schätzen mag. Im Regelfall wird jedoch auch von Ihnen ein seriöses Outfit (Anzug/Kostüm) erwartet. Andernfalls könnten Sie nicht ernstgenommen werden - zumindest nicht beim ersten Treffen.
Führen Sie bei Ihren Gesprächen subtil Regie. Lassen Sie Ihren Recherchepartner zunächst möglich frei seine Sicht der Dinge schildern, um einen gewissen Gesprächsfluß zu erzeugen - es sei denn, Sie wissen schon vorher, es handelt sich um einen Dampfplauderer oder eine Quasselstrippe, die kaum zu bremsen ist. Nicht jedes Gespräch muss im strengen Frage-Antwort-Stil geführt werden. Machen Sie dies von der Gesprächsdisziplin Ihres Gegenübers abhängig.
Nachhaken gefragt. Stellen Sie nach den ersten Schilderungen Ihres Recherchepartners gezielt Fragen: zum einen die, die auf Ihrem Fragenkatalog stehen und noch nicht durch die Ausführungen Ihres Gesprächspartners beantwortet worden sind. Zum anderen solche, die sich aus dem bisher Gesagten ergeben und zu größerer Präzision führen. Die Fragen sollten Sie so stellen, dass die Kernaussagen Ihres Gegenübers zitierfähig sind.
Heikles zuletzt. Unstimmigkeiten und heikle Fragen sollten Sie sich für den hinteren Teil des Gesprächs aufheben, um nicht gleich am Anfang eine Atmosphäre der Konfrontation entstehen zu lassen. Entwickeln Sie vorab eine Dramaturgie für schwierige Gespräche, auch wenn sich diese nicht immer umsetzen lässt.
Sich mit Kommentaren zurückhalten. Reagieren Sie auf Antworten mit weiteren Fragen. Vermeiden Sie es, die Antworten zu kommentieren, weil Sie zum Beispiel mit Ihrem Wissen prahlen wollen. Die größere Gefahr besteht jedoch darin, noch weit stärker als durch Ihre Fragen durch Kommentare Ihre Arbeitshypothese(n) preiszugeben. Dies kann oft kontraproduktiv sein, weil der Gesprächspartner dann vorsichtiger werden oder eine Gegenstrategie fahren könnte.
Stellen Sie mehreren Personen die gleichen Fragen. Dies hat viele gute Gründe. Bei heiklen und umstrittenen Themen sollten Sie immer mindestens zwei Quellen haben, wenn Sie bestimmte Tatsachen behaupten. Oft führt das Konzept "eine Frage - zwei Befragte" auch dazu, dass Sie interessante abweichende Einschätzungen erhalten. Und falls dies nicht der Fall sein sollte, haben Sie immer noch größere Flexibilität und Vielfalt, wen Sie mit welcher Aussage zitieren.
Recherchepartner fair behandeln. Prüfen Sie stets die Seriosität Ihrer Quellen! Handeln Sie Ihrerseits seriös und fair, indem Sie sich an Absprachen halten, bestimmte Aussagen nicht zu zitieren oder über gewisse geschilderte Sachverhalte nicht zu berichten. Dazu ist es notwendig, mitunter schmerzliche Kompromisse einzugehen. Wer zuwider handelt, mag zwar einen schnellen, kurzen Erfolg haben, kann sich so aber eine langfristige Zusammenarbeit mit Informanten verbauen - zumal auch im Journalismus gilt: Man trifft sich im Leben immer zwei Mal!
Führen Sie bei Ihren Gesprächen Protokoll. Notieren Sie dabei die Aussagen Ihres Gesprächspartners in einer Weise, so dass ihr logischer und sachlicher Zusammenhang sich auch noch im Nachhinein (im Zweifelsfalls Monate später) problemlos rekonstruieren lässt. Schreiben Sie Sätze, die sich für Zitate eignen, möglichst vollständig und wortgetreu mit.
Alternative Gedächtnisprotokoll. Sollte sich der Gesprächspartner durch die Mitschrift gestört fühlen - was vor allem in sensiblen Situationen vorkommt -, verzichten Sie darauf und verfassen unmittelbar nach Ende des Gesprächs ein Gedächtnisprotokoll.
Wann sollte mitgeschnitten werden? Alternativ könnten Sie in solchen Fällen ein Aufnahmegerät mitlaufen lassen, was den Recherchepartner allerdings noch mehr verstocken lassen könnte. Die elektronische Aufzeichnung bietet sich vor allem dann an, wenn Sie längere und schwierige Gespräche führen und der Mitschnitt später hilfreich sein könnte, um zum Beispiel schwierige Sachverhalte korrekt und präzise darzustellen. Zudem ist es naheliegend, problematische und möglicherweise konfrontative Gespräche aufzuzeichnen. Der Recherchepartner könnte sich allerdings weigern oder sich weniger aussagebereit zeigen. Nicht zu vergessen: Fragen Sie Ihr Gegenüber immer um Erlaubnis, wenn Sie das Gespräch aufzeichnen wollen - auch wenn Sie am Telefon mit ihm reden.
Zitate abklären. Sie sind grundsätzlich nicht verpflichtet, dem Befragten Zitate vor der Veröffentlichung vorzulegen - es sei denn, er bittet darum. Es ist aber auch guter Stil, am Ende des Gesprächs oder vor dem Schreiben des Textes die Zitate mit seinem Recherchepartner abzuklären. Zumindest sollten Sie sich über die Inhalte verständigen, um ärgerliche Missverständnisse zu vermeiden. Gegen Sinn verändernde oder entstellende Korrekturen sollten Sie sich jedoch wehren und zumindest einen Kompromiss herausholen. Ihr Recherchepartner hat übrigens kein Recht darauf, eine Vorab-Fassung Ihres gesamten Beitrag zu bekommen.
Nicht kaputt recherchieren. Recherchieren Sie nur so lange und so weit, bis der Sinnzusammenhang des Themas klar erkennbar ist und die Recherche Ihre Hauptthese auf fundierter Faktenbasis stützt. Nicht jedes Detail muss geklärt werden.
| Autor: Lutz Frühbrodt |
Text und Gestaltung: Sonia Grimm, Sigrid Fiebig, Michael Böhm |
Technische Umsetzung: Sonia Grimm |
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