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Wirtschaftsjournalismus


Wie Bilanz-PKs ablaufen – zwei Beispiele aus der Praxis

Deutsche Telekom (Dax), 3. März 2006 in der Unternehmenszentrale in Bonn

06.00 Uhr In einer Adhoc-Mitteilung gibt die Deutsche Telekom ihre Geschäftszahlen für das Jahr 2005 bekannt.
06.30 Uhr Erste Journalisten von den Nachrichtenagenturen treffen ein, begeben sich in den Presseraum und schreiben auf Basis der Adhoc erste Meldungen.
08.30 Uhr Journalisten anderer Medien treffen ein und akkreditieren sich an einem Pressestand in der Lobby. Dort bekommen sie eine dicke Presemappe ausgehändigt. Vor dem Pressesaal werden Getränke und belegte Brötchen serviert. Pressesprecher des Unternehmens empfangen dort die Journalisten.
09.00 Uhr Vorstandschef Kai-Uwe Ricke, Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick und Kommunikationschef Ulrich Lissek betreten den Pressesaal. Bevor sie sich auf einem Podium hinsetzen, das sie gut einen Meter über die Journalisten erhebt, sind sie dem Blitzlichtgewitter von einem Dutzend Fotografen ausgesetzt.
09.02 Uhr Kommunikationschef Lissek eröffnet die Pressekonferenz mit einem „Herzlich willkommen, meine Damen und Herren!” und übergibt sehr schnell das Wort an Vorstandschef Ricke.
09.03 Uhr Ricke erläutert kurz das Zahlenwerk, berichtet dann ausführlicher darüber, welche Maßnahmen der Vorstand im vorigen Jahr ergriffen hat und welche Strategie er für die Zukunft zu verfolgen gedenkt. Seine wichtigsten Botschaften: Die Telekom hat den bisher höchsten Gewinn ihrer Geschichte erzielt und wird deshalb auch ihren Aktionären die bisher höchste Dividende ihrer Geschichte zahlen.
09.40 Uhr Nun ist Finanzvorstand Eick an der Reihe. Er erläutert das Zahlenwerk en detail. An die große Leinwand hinter dem Podium werden Charts mit dazugehörigen Tabellen und Schaubildern geworfen. Auf der linken Seite in Englisch, auf der rechten in Deutsch. Die Charts liegen zudem in den Pressemappen aus, in denen sich auch die Redetexte von Ricke und Eick befinden. Beide halten sich fast wörtlich an die Texte.
09.57 Uhr Abschließende Worte des Konzernchefs: Er zieht noch einmal kurz Bilanz und macht einen Ausblick auf das laufende Geschäftsjahr.
10.01 Uhr Kommunikationschef Lissek läutet die Frage-und-Antwort-Runde ein. Zahlreiche der rund 40 anwesenden Journalisten melden sich per Handzeichen. Lissek ruft sie einzeln nacheinander auf. Viele haben nicht nur eine, sondern vier, fünf oder gar noch mehr Fragen. Die Manager auf dem Podium notieren sich Stichworte. Einige der Fragen richten sich derart auf Details, dass sie die Vorstände nicht direkt beantworten können. Dabei hilft ihnen das „back office”: In einem Extraraum befinden sich Pressesprecher, die die gewünschten Informationen (meist Zahlen) schnell recherchieren und dann auf ein Display auf dem Podium im Pressesaal weiterleiten, so dass die Manager die Infos direkt ablesen und verwerten können.
10.53 Uhr Der Kommunikationschef eröffnet die letzte Fragerunde, denn er will die Konferenz um kurz vor 11 Uhr beenden.
11.00 Uhr Die Pk ist beendet. Einige Journalisten begeben sich noch zu Finanzvorstand Eick, um weitere Infos zu erhaschen. Währenddessen gibt Vorstandschef Ricke erste Fernsehinterviews – die meisten davon live. Einige wirtschaftsorientierte Fernsehsender (ntv, Bloomberg TV etc.) hatten bereits die Konferenz live übertragen, die auch die Telekom über das Internet ausstrahlte.
11.00 Uhr Ein Teil der Journalisten fährt in die Redaktionen zurück, andere – vor allem die von weiter her angereisten – gehen die in die zwei für sie eingerichteten Arbeitsräume, um aktuell zu berichten.

Modekonzern Hugo Boss AG (M-Dax), 23. März 2006 in der Firmenzentrale Metzingen

09.42 Uhr Auf zwei großen Leinwänden im Presseraum laufen zwei Imagefilme, die Hugo-Boss-Models beim Fotoshooting zeigen. Vorstandschef Bruno Sälzer tritt an das Rednerpult, die vier übrigen Vorstandsmitglieder platzieren sich auf dem Podium im Hintergrund. Die meisten Journalisten sind bereits eingetroffen, einige weitere tröpfeln noch in den Raum.
09.43 Uhr Der Pressesprecher, der die Konferenz nicht leiten wird, eilt zu Sälzer, um letzte Absprachen zu treffen.
09.45 Uhr Hugo-Boss-Chef Sälzer eröffnet die Veranstaltung: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, herzlich willkommen zu unserer Bilanzpressekonferenz! Ich danke Ihnen wie jedes Jahr für die Anreise nach Metzingen. Dies zeigt, dass Sie diesem Unternehmen ein besonderes Interesse entgegenbringen.” Sälzer weist darauf hin, daß die Konferenz live im Internet übertragen wird.
09.46 Uhr Sälzer beginnt mit seiner Rede. Da er weitgehend frei spricht, haben die Journalisten auch kein Manuskript erhalten. Dafür gibt es einen Hefter mit Charts, die an die Wand geworfen werden und die der Vorstandschef kommentiert. Auf ihnen sind in erster Linie Zahlen des Geschäftsjahrs 2005, aber auch Bilder von den neuen Kollektionen zu sehen. Neben dem Hefter befinden sich ein kleiner Stapel mit dem Geschäftsbericht sowie Werbebroschüren zu den aktuellen Boss-Kollektionen. Darüber hinaus liegt als Präsent eine Schuhreisetasche für jeden teilnehmenden Journalisten bereit. Anmerkung: Einige Unternehmen kombinieren ihre Pressemappen mit kleine(re)n Geschenken – als freundliche Geste, manchmal aber auch als Anreiz, um zu entlegenen Orten zu kommen, an denen die PKs stattfinden.
10.15 Uhr Vorstandschef Sälzer beendet seine Ausführungen. Er hat im Wesentlichen einzelne Kennzahlen vorgestellt und wenig über Strategie gesagt – was allerdings auch darin begründet liegt, dass diese bekannt ist und Hugo Boss sie unverändert verfolgt. „Ihre Fragen, bitte!”, fordert Sälzer die rund 20 anwesenden Journalisten auf. Diese stellen meist Detailfragen.
10.33 Uhr Produktionsvorstand Werner Lackas kommt erstmals zu Wort – zwei Fragen richten sich an ihn. Die anderen Vorstände schweigen während der gesamten PK.
10.47 Uhr „Keine weiteren Fragen?” Keine. Der Vorstandschef erklärt die Bilanzpressekonferenz der Hugo Boss AG für das Geschäftsjahr 2005 für beendet. Die Journalisten strömen aus dem Saal. Im Foyer ist ein üppiges Buffet aufgebaut. Einige Journalisten fahren direkt in ihre Redaktionen, andere bleiben, um in der „Presse-Lounge” zu schreiben – und um die Köstlichkeiten des Buffets zu genießen.
Autor:
Lutz Frühbrodt
Text und Gestaltung:
Sonia Grimm, Sigrid Fiebig,
Michael Böhm
Technische Umsetzung:
Sonia Grimm
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