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Wirtschaftsjournalismus


Das »Weiterdrehen«

Zusatzinfos recherchieren: Beim so genannten Weiterdrehen greift der Journalist eine bereits bekannte Nachricht auf und versucht, zusätzliche relevante Informationen zu recherchieren und/oder die News unter einem neuen Aspekt zu beleuchten. Unter Journalisten gehört das Weiterdehen zu den eher unbeliebten Übungen, weil es für viele einem »Nachklappern« anderer, schnellerer und vermeintlich besserer Medien gleichkommt. Gleichwohl gehört das Weiterdrehen zum Alltag jeder Redaktion, denn weder ein Journalist noch ein Medium hat ein Monopol bei exklusiven Nachrichten. Abgesehen davon bietet sich das Weiterdrehen auch bei Nachrichten an, die nicht exklusiv lanciert werden, sondern von denen alle Medien gleichzeitig erfahren.

Verifizieren: Geschickt gemacht, lässt sich aus dem Weiterdrehen durchaus publizistisches Kapital schlagen. Doch zuvor muss die Nachricht überhaupt erst verifiziert werden, sofern sie die Nachrichtenagenturen als Exklusivmeldung laufen lassen ("…nach einem Bericht der XY Zeitung…"). Dafür gilt es, zunächst die entsprechende(n) Pressestelle(n) zu kontaktieren und sich eine offizielle Stellungnahme einzuholen. Sollte die Pressestelle den Vorgang nicht öffentlich kommentieren wollen (Beliebter Standardspruch: "Zu Spekulationen und Gerüchten nehmen wir grundsätzlich keine Stellung"), kann der Journalist immer noch nach einer nicht zitierfähigen Hintergrundinformation fragen. Sollte der Sprecher auch dazu nicht bereit sein, sollten im nächsten Schritt ohnehin Informanten aus dem Umfeld des betroffenen Unternehmens/Managers/Politikers angesprochen werden (Unternehmensberater, Investmentbanker etc.).

Für das Weiterdrehen sind folgende Varianten denkbar:

Neue Aspekte recherchieren.
Beispiel: Die XY-Zeitung meldet unter Berufung auf »gut informierte Kreise«, dass Hermann-Josef Z. neuer Vorstandschef einer deutschen Großbank wird. In dem Artikel heißt es, der Aufsichtsrat sei sehr unzufrieden mit den Geschäftsergebnissen der vergangenen zwei Jahre gewesen, für die der bisherige Amtsinhaber Hubert A. verantwortlich war.

Ein Sprecher der Großbank will die Meldung nicht offiziell kommentieren, bestätigt sie aber hinter vorgehaltener Hand. Mit der neuen Berufung stellen sich verschiedene Fragen: Wird Hermann-Josef Z. den gesamten Vorstand umbauen? Falls ja, mit welchen neuen Managern? Waren es wirklich nur die dürftigen Gewinnsteigerungen, die Hubert A. zu Fall brachten? Oder gab es vielleicht andere Ursachen? Hat er strategische Fehler gemacht? Hat er den Aufsichtsrat gegen sich aufgebracht? Wie könnte die neue Strategie unter Z. aussehen? Usw. usf.

Die Gegenseite hören.
Beispiel: Der Chef eines großen Mobilfunk-Netzbetreibers sagt in einem Exklusiv-Interview, das Netz mit der neuen Technologie werde mit starker Verzögerung starten, weil die Handy-Hersteller entgegen ihren Zusagen noch keine voll funktionsfähigen Mobiltelefone für die neue Technologie liefern könnten.

Gesagt ist gesagt - die Meldung wird wohl so stimmen. Durch einen Anruf beim Netzbetreiber lassen sich zwar möglicherweise noch ein paar weitere Details in Erfahrung bringen. In diesem Fall liegt es aber nahe, die öffentlich kritisierten Handy-Hersteller anzusprechen. Denn es könnte gut sein, dass sie eine ganz andere Sicht der Dinge haben.

Vom Einzelfall auf den Markt übertragen, vom Ausland aufs Inland projizieren. Beispiel 1: Die Rating-Agenturen stufen die Anleihen von zwei US-amerikanischen Autokonzernen auf »Ramsch-Status« herab.
Für die kriselnden Autokonzerne ist dies ein herber Schlag. Die Unternehmen sind allerdings so bedeutend, dass sie den gesamten Rentenmarkt mit »runterziehen« könnten. Wie groß ist die Gefahr?, könnte die Leitfrage für eine Umfrage unter Experten (z.B. Strategen von größeren Bankhäusern) lauten.

Beispiel 2: In den USA fand ein umfangreicher Kreditkarten-Betrug statt, der bei den Karteninhabern einen Schaden von mehreren Milliarden Dollar verursachte.

Da die Kreditkarten-Firmen weltweit und damit auch in Deutschland tätig sind, liegt die Frage nahe, inwieweit die Betrüger oder auch andere ihr Unwesen auch hier zu Lande treiben können. Und wer hier haftet? Die Firmen oder die Karteninhaber?

Die eigene Exklusivgeschichte weiterdrehen.
Beispiel: Eine große Boulevardzeitung meldete, dass Hunderttausende von Renten von den dafür zuständigen Versicherungsanstalten falsch berechnet worden seien.
Am nächsten Tag schob dieselbe Zeitung einen Artikel mit dem Titel »Hat man Ihre Rente auch falsch berechnet? Worauf Sie achten sollten« hinterher. Erst wurde also Panik verbreitet - dann bot sich das Medium als Helfer an. Dies war natürlich nicht von heute auf morgen, sondern von langer Hand geplant. Ebenso ist es möglich, eine Exklusivgeschichte in mehrere »Happen« aufzuteilen, also in Abständen weiterzudrehen. Zuweilen bekommt man aber auch Reaktionen auf eine Exklusivgeschichte, die Stoff zum Weiterdrehen bieten.



Autor:
Lutz Frühbrodt
Text und Gestaltung:
Sonia Grimm, Sigrid Fiebig,
Michael Böhm
Technische Umsetzung:
Sonia Grimm
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