"Das Unglück ist, dass jeder denkt,
der andere ist wie er, und dabei übersieht,
dass es auch anständige
Menschen gibt." Heinrich Zille
...
Nicht ganz legal, aber sehr nützlich
für die weitere Recherche war es für mich, mich
umzusehen im Büro eines Mannes, den ich hier nicht
näher bezeichnen möchte.
Der Mann war aus dem Zimmer gegangen, um
sich Kopien zu machen von
Unterlagen, die ich ihm überlassen hatte. Er
hatte im Gespräch zuvor in einem
Ordner geblättert mit Unterlagen
genau zu meiner Recherche, mir aber nichts davon zeigen wollen. Ich nutzte
die Zeit, die er brauchte, um Kopien anzufertigen, und blätterte ein
wenig im Ordner. Und während er mir anschließend auf nicht ganz
so wichtige Fragen antwortete, schrieb ich auf, was ich zuvor gelesen hatte.
Schauen Sie sich um im Raum, manchmal
entdecken Sie dabei etwas, was Ihnen weiterhilft in der Recherche. So haben
Stadträte eine Stunde lang heftig debattiert über Sinn und Unsinn
von Fernsehapparaten in den Zimmern des neuen Krankenhauses. Ein Beschluss
über die Anschaffung wurde am Ende vertagt. Ein Journalist hatte während
der Sitzung des städtischen Krankenhausausschusses die ausgelegten Servietten
studiert. "Gute Besserung" hatte die Krankenhausverwaltung auf die
Vorderseite drucken lassen, auf der Rückseite stand: "Wir bitten
Sie um Verständnis für den Baustellenlärm. Die Baumaßnahme
führen wir im Interesse unserer Patienten durch. Alle Patientenzimmer
werden künftig mit eigener Nasszelle ausgestattet sein, in jedem Zimmer
wird es ein Telefon und einen Fernsehapparat geben." Die Verwaltung hatte
also längst über den Punkt entschieden, über den sie nun die
gewählten Vertreter der Stadt hat diskutieren lassen.
Der Journalist kann über die Debatte berichten und dazu zitieren, was
auf der Serviette steht. Mehr Recherche ist nicht nötig für einen
kritischen Bericht. Will der Journalist dazu noch fair sein, fragt er den
Verwaltungsleiter, wer den Druck der Servietten zu welchem Zeitpunkt veranlasst,
und wer den Text verfasst hat - und warum die Stadträte überhaupt
noch über die Anschaffung von Fernsehgeräten diskutiert haben.
Versetzt mitschreiben, das sollten
Sie trainieren, wenn Sie vor einem Menschen sitzen, der Ihnen gegenüber
etwas sagt, was er vielleicht nicht erzählen würde, wenn er wüsste,
Sie schreiben das alles auf.
Die Mitarbeiterin im Jugendamt erzählt Ihnen vielleicht, wie schlimm
es doch manche Pflegemütter trieben, dass es ihnen nur ums Geld gehe.
Sie hören das, notieren das aber erst fünf Minuten später,
wenn die Mitarbeiterin etwa auf eine allgemeine Frage Antworten gibt, die
Ihnen nicht so wichtig erscheinen. So vermeiden Sie, dass Ihr Gegenüber
den Kopf schüttelt und ausdrücklich verlangt, dass Sie das nun aber
nicht mitschreiben. Fair ist dieses Versetzt-Mitschreiben allerdings nur im
Umgang mit Medien-Profis, mit Menschen, die Bescheid wissen über ihr
Recht am eigenen Wort.
Fair ist diese Methode auch dann, wenn jemand einen Gefühlsausbruch erleidet,
und Sie nicht in dem Augenblick, in dem jemand schluchzt, schreiben wollen.