Foto von Ele Schöfthaler

Courage, so hieß die Frauenzeitschrift, die Ele Schöfthaler in Berlin als 24-jährige mitbegründete. Dies war 1976 und die Autorin hatte gerade ein Soziologiestudium in Tübingen und Berlin hinter sich. Courage braucht sie aber auch heute noch, um als freie Journalistin bestehen zu können.
Daneben braucht es vor allem Wissen und Erfahrung. Beides erwarb sie sich als Redakteurin der Zeitschrift "Frauen unterwegs" von 1978-1980, als Buch-Lektorin für Burkhardthaus und Peter-Hammer-Verlag 1980-1984 und seit 1990 als Reporterin für den Evangelischen Pressedienst.
Heute gibt Ele Schöfthaler dieses Wissen auch als Trainerin in der Journalistenausbildung weiter. Ihre Themenschwerpunkte lauten hierbei Recherche, Reportage und Feature. Aber auch Verbände und Behörden gehören zu ihrer Zielgruppe, der sie die "Sprache der Medien" und das "Schreiben für Medien" als Trainerin näher bringt.

Interview mit Ele Schöfthaler

Warum gibt es ein neues Buch "Die Recherche" und warum bekommt dieses Buch einen Online-Teil von Gabriele Hooffacker?

Die Zeiten haben sich geändert. Bestimmte Grundregeln der Recherche sind geblieben, aber ein großer Teil der Recherche wird heute vorweg schon per Internet gemacht. Der Schwerpunkt liegt aber immer auf dem Umgang mit den Menschen, die man für seine Recherche braucht.

Was hat sich denn seit der Erstauflage in punkto Recherche verändert? Ist es einfacher oder schwieriger geworden, Themen zu finden und zu recherchieren?

Meiner Meinung nach ist die Themensuche für phantasievolle Leute gleichbleibend geblieben - denen fällt immer etwas ein. Ob man nun auf der Straße oder im Internet recherchiert, ist im Grundsatz gleich. Durch das Internet habe ich den Vorteil, sehr schnell an sehr viel Information heranzukommen. Früher musste man sich mühevoll das Material in Bibliotheken dazuorganisieren, Leute anschreiben oder anfaxen, um an die gewünschten Informationen zu kommen - alles sehr zeitintensiv. Das Internet ist da eine echte Erleichterung.

Aber gerade durch das Internet gibt es auch ein Überangebot an Informationen. Ist es da nicht richtig schwierig geworden, etwas wirklich Neues zu finden?

Ich denke, das richtig Neue findet man, indem man eine eigenwillige Fragestellung entwickelt, das Thema von einer anderen Seite her betrachtet oder sich einfach im Alltagsleben von Themen inspirieren lässt, die andere Menschen auch interessieren könnten.

Was war Ihre Intention, als Sie zum ersten Mal ein Buch über Recherche schrieben? Haben Sie vielleicht selber eine Anleitung zur Recherche in Ihrer Anfangszeit vermisst?

Wie die meisten Journalisten habe auch ich viele Fehler gemacht. Ich kannte meine Rechte nicht und bin dadurch unnötig in Fallen getappt. Ich denke, nicht alle Journalisten müssen dieselben Fehler machen und finde es ganz schön, wenn ihnen mein Buch hilft, genauer Bescheid zu wissen, wie die Rechtslage aussieht oder wie man zum Beispiel trickreich fragen kann, ohne die Persönlichkeit des anderen zu verletzen.

Sie schreiben ja in erster Linie aus der Sicht eines Lokalredakteurs...

Nicht direkt. Mir geht es auch darum aufzuzeigen, wie man kleine lokale Geschichten so aufpeppen kann, dass sie auch überregional erscheinen. Wie schaffe ich es, meine Geschichte nicht nur in München, sondern auch in Hamburg zu verkaufen. Die kleine lokale Geschichte kann fast jeden interessieren - mir muss nur der Trick einfallen, wie ich sie zu einer überregionalen Geschichte machen kann.

Haben ein Radio- oder Fernsehredakteur nicht andere Recherchemethoden als ein Lokalredakteur - auch wenn der seine Beitrag überregional rausbringen kann?


Es gibt natürlich ein paar Unterschiede bei der Recherche. Die Menschen, die live senden müssen, können sich natürlich keine "Ähms" und "Ahs" und sonstige Geschichten leisten. Aber auch im Hörfunk und im Fernsehen gibt es nur wenige, die live produzieren. Ansonsten bleiben die Regeln aber gleich. Wenn man beispielsweise die Gegenseite nicht zu Wort kommen lässt oder absichtlich verfügbare Quellen vernachlässigt, sind das Fehler für Fernsehjournalisten genauso wie für Lokal- und Regionaljournalisten.

Warum gibt es ein Kapitel über Benimmregeln? Lassen sich "alte Hasen" in ihren Recherchestil überhaupt reinreden?

Mein Hinweis, man solle ruhig mal am Telefon lächeln - wurde einmal als zu banal kritisiert. Ich habe jedoch viele grantige Journalisten erlebt, die sich mit ihrem schlechten Benehmen so manche Quelle versaut haben. Da, glaube ich, schadet es nicht, wenn man hin und wieder an den eigenen Benimmregeln arbeitet.

Wie viel Zeit nimmt die Recherche bei Ihrer journalistischen Tätigkeit in Anspruch?

Das kann ich sehr schwer beantworten. Aber es ist sicherlich so, dass ich in der Regel länger recherchiere als schreibe.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie man sich die Zeit für eigenständige Recherche schaffen kann. Wie lassen sich die Tipps als festangestellter Redakteur in die Wirklichkeit umsetzen? Gerade im Radio- und Fernsehjournalismus, dort wo die Zeit immer drängt, ist es eher schwierig, sich den Raum für eigene Themen zu nehmen.

Die Ausrede Zeit lasse ich bei niemandem gelten. Die Zeit für eigenständige Recherche kann sich jeder nehmen. In meinem Buch habe ich ein paar kleine Tipps am Rande gegeben. Ich bin überzeugt, dass jeder, der sich seinen Alltag genau anguckt, feststellt, wie viel Zeit er vertrödelt. Ein Beispiel für eine Zeitverschwendungsschleuder ist das unnötig lange Telefonieren. Sich freundlich, aber bestimmt verabschieden, wenn das Wichtige gesagt ist, das kann man am Telefon trainieren.

Was würden Sie einem Anfänger für Tipps auf den Weg geben? Was sind die wichtigsten Dinge, die man beim Recherchieren beachten muss?

Ich denke, das allerwichtigste ist, ein Gefühl für sich selber, für seine Stärken und für seine Schwächen zu bekommen. Nachdem man das erkannt hat, muss man seine Schwächen in Stärken umbauen. Wird man beispielsweise für zu jung und zu naiv gehalten und weiß dies auch, so könnte man diese vermeintliche Schwäche auch ausnutzen und zwar gnadenlos: Die anderen empfinden einen nicht als Gefahr - vielleicht ein Vorteil, um einfacher an bestimmte Informationen zu gelangen.

Sie haben ja auch ein spezielles Kapitel über das Prüfen von Quellen verfasst - eines der wichtigsten Dinge bei der Recherche, damit es später keine Schwierigkeiten gibt. Sind Sie selber schon mal auf einen Interviewpartner, eine Recherchequelle reingefallen?

Natürlich. Auch ich kenne das Gefühl, an etwas ganz Brennendem dran zu sein und dabei eigentlich trotzdem schon ganz lange eine falsche Fährte zu verfolgen. Man ist ganz fest davon überzeugt, diesen Fall bereits geknackt zu haben und merkt erst nach einer Weile, dass es doch ganz anders ist und man den Fall noch einmal von einer anderen Seite beleuchten muss. Fehler passieren unter anderem, wenn man leichtgläubig Menschen gegenüber ist, die man auf Anhieb sympathisch findet. Deswegen ist auch mein Grundtipp "Je sympathischer ein Mensch - desto mehr Zurückhaltung bei der Recherche". Bei unsympathischen Menschen kann man eher Vertrauen entwickeln, weil man denen sowieso nicht so leicht glaubt.

Was machen Sie denn lieber - recherchieren oder schreiben?

Das kann ich nicht sagen. Beides hat seinen Reiz. Aber der Sprung von der Recherche zum Schreiben ist immer die große Klippe. Ich würde dann immer gerne noch ein bisschen weiter recherchieren. Andererseits denke ich beim Schreiben auch oft: Wieso eigentlich recherchieren - schreiben an sich ist doch eine ganz nette Beschäftigung.

Vielen Dank für das Interview