Johannes Friedrich Reichert, 1992 bis 2000
Wirtschaftsredakteur beim Bayerischen Fernsehen. Er entwickelte und
moderierte 1997 das Ratgebermagazin online-Café für Internet und
Online-Dienste. Später betreute er als Projektmanager Internet-Großprojekte
für ARD und BR (Olympia, Bundestagswahlen...).
Seit 1996 unterstützt Reichert Journalisten
und Redaktionen im sinnvollen Umgang mit dem Netz. Die Partner sind
ARD-Anstalten, ZDF, ZFP, djv und journalistische Unternehmen.
Sie schreiben auf Ihrer Website, dass falsche Recherche lebensgefährlich sein kann. Wurden Sie als Journalist häufig mit falschen Ergebnissen und den Konsequenzen konfrontiert?
Falsche Informationen gibt es immer wieder - cirka bei jeder zweiten Recherche. Da ich seit einigen Jahren nicht mehr aktiv im journalistischen Tagesgeschäft bin, sind die Auswirkungen für mich eher gering.
Sie betreuen die sehr gute und nützliche Website www.top-info.com. Viele Infos sind jedoch nur für ehemalige Seminarteilnehmer. Planen Sie, Ihr Angebot gegen ein Entgelt auch für die Allgemeinheit zu öffnen?
Nein - das ist viel zu aufwändig.
Sie haben jahrelang als TV-Journalist gearbeitet. Wie viel Prozent des durchschnittlichen Arbeitstages nahm die Recherche ein und wie viel Zeit davon verbrachten Sie im Internet?
Ich bin seit 2000 'draußen' und war zuvor Redaktionsleiter, also mit vielen administrativen Aufgaben betraut. Der journalistische Anteil meiner Arbeitszeit betrug zuletzt cirka 30 Prozent, davon die Hälfte für Recherche.
Was glauben Sie, wie viel Prozent der Journalisten verlassen sich auf eine google-Suche ohne Erweiterung?
Mindestens 50 Prozent
Wie viel Recherche-Zeit geht dabei verloren?
Merkwürdige Frage: Die Kollegen, die nur googlend arbeiten, gewinnen zumeist Zeit, weil sie sich mit den oberflächlichen Ergebnissen zufrieden geben und nicht weiter suchen.
Aber Sie haben natürlich recht: das Googlen führt vor allem bei komplexen Fragestellungen dazu, sich in den Google-Fundstellen zu verlieren auf der sinnlosen Suche nach den 'eigentlich relevanten' Informationen. Dabei geht viel Zeit verloren. Wie viel? Ich weiß es nicht. Vielleicht 30 - 60 Prozent im Vergleich zu einer strukturierten Suche? Wer statt mit dem einfachen Suchfenster mit der 'Erweiterten Suche' arbeitet, gewinnt sicher 50 Prozent.
Ist eine gezielte Suche in Datenbanken, Archiven und Katalogen nicht besser als über Suchmaschinen?
Suchmaschinen sind gute Werkzeuge für einfache, eindimensionale Fragestellungen
ohne inhaltlichen Tiefgang. Für die allgemeinen Webkataloge gilt das
im Übrigen auch. Spezialisierte Datenbanken und Archive sind meines Erachtens
geeignete Werkzeuge für spezialisierte, 'tiefe' Suchen. Voraussetzung
ist leider, dass der Recherchierende wissen muss, welche Datenbank für
seine Frage besonders gut geeignet ist. Er braucht mehr als das übliche
Journalisten-Allgemeinwissen zu seinem Suchthema und muss mit diesen anders
strukturierten Suchoberflächen umgehen können.
Wie sehen Sie die Entwicklung der Online-PR, die die Suchmaschinen austrickst
und für ein gutes Ranking sorgt?
Derzeit sehe ich das nicht als großes Thema an. Die großen Suchmaschinen
stehen untereinander in einem solch hohen Wettbewerbsdruck, dass ihr Interesse
an einem Ausklammern von SEO-Spam sehr groß ist. Schwierig wird es vor
allem dann, wenn sich eine marktbeherrschende Stellung etabliert.
Vielen Dank für das Interview.