Foto von Professor Klaus Meier

Klaus Meier ist Professor für Online-Journalismus an der Fachhochschule Darmstadt. Er berät Medienredaktionen zum Content- und Redaktionsmanagement, promovierte an der Universität Eichstätt und war in der journalistischen Weiterbildung u.a. in Salzburg, Wien und Hagen tätig. Er arbeitete als freier Journalist u.a. für die "Süddeutsche Zeitung" und den "Bayerischen Rundfunk".

 

Interview mit Prof. Klaus Meier

Sie haben das sehr gute und nützliche Buch "Internet-Journalismus" herausgegeben und zum größten Teil verfasst. Welche Tipps können sie Recherche-Anfängern mit auf den Weg geben?
Neugier und Skepsis, auch ein wenig Hartnäckigkeit. Das sind die Recherche-Grundtugenden. Man muss es wissen wollen. Stimmt das, was ich gehört oder gelesen habe? Welche Interessen stecken hinter einer Nachricht, einer Botschaft, eines Gerüchts? Wer ist die "Gegenseite"? Wer könnte mir eher die neutrale Sichtweise eines Experten bieten?

Sie haben jahrelang als Redakteur gearbeitet, wie viel Prozent des durchschnittlichen Arbeitstages nahm die Recherche bei Ihnen ein und inwieweit benutzten Sie dabei das Internet?
Ich kann mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, wie viele Prozente das waren. Das war in den Jahren 1989 bis 1991. Damals gab es noch kein Internet. Ich war aber als Lokaljournalist viel draußen und habe viel telefoniert - vermutlich mehr als der durchschnittliche Lokaljournalist heute. Das heißt aber nicht, dass der Lokaljournalismus schlechter geworden ist - denn viele Sachverhalte kann man heute ja wirklich schnell und zuverlässig per Internet klären.

Was macht für Sie "Recherche-Qualität" aus?
Bei der Recherche-Qualität kommt es - wie bei der journalistischen Qualität insgesamt - auf das Profil und die Zielsetzung des journalistischen Produkts an: Informations- oder Service-Journalisten werden auf die Frage "Stimmt das?" eine zutreffende Antwort finden müssen. Medien mit dem Anspruch eines investigativen Journalismus werden ganz anders vorgehen und z.B. in verborgenen Quellen schürfen, Whistleblower ausfindig machen und zum Sprechen bringen. Ihre Kernfrage ist nicht "Stimmt das?", sondern "Wo stinkt es? Wer baut Mist? Wer missbraucht Macht?" Wir brauchen diese Art des Journalismus für die Demokratie, das ist unbestritten. Genauso richtig ist es aber auch, dass die Mehrheit der Journalisten keine Muckrakers sind, sondern andere Funktionen erfüllen.

In Ihrem Kapitel "Grundlagen journalistischer Recherche im Internet" wenden Sie sich auch an Kollegen, die bereits einmal Enttäuschungen und negative Erfahrungen im Netz gemacht haben. Hatten Sie auch schon mal den Impuls, ihren Rechner aus dem Fenster zu werfen?
Nur wenn die Kiste nicht wollte, wie ich wollte. Aber nie im Zusammenhang einer Recherche im Netz. Einmal bin ich sogar mit dem Auto über meinen Laptop gefahren… Dumm gelaufen.

Was glauben Sie, wie viel Prozent der Journalisten verlassen sich auf eine Google-Suche ohne Erweiterung? Wie viel Recherche-Zeit geht dabei verloren?
Ich will nicht behaupten, dass durch Google-Suche Recherchezeit verloren geht. Eine geschickte Google-Suche ist doch meist erfolgreich! Man muss nur wissen, wie und für was man Google einsetzt. Das ist vermutlich oft das Problem.

Ist eine gezielte Suche in Datenbanken, Archiven und Katalogen nicht besser als über Suchmaschinen?
Das kann man so nicht sagen. Viele Informationen kann man einfach über Google finden. Andere nicht - dafür braucht es dann andere digitale Quellen oder auch ganz reale Quellen außerhalb der Netze. Wenn Sie zum Beispiel wissen wollen, wer zum Teufel dieser Klaus Meier ist, dann geben Sie einfach meinen Namen in Google ein, finden meine Website, klicken sich durch Beiträge und Interviews mit mir - und wissen dann ein wenig Bescheid. In Archiven und Datenbanken finden Sie dazu herzlich wenig. Wenn Sie aber mehr wissen wollen, investigativ recherchieren wollen, ob ich Dreck am Stecken habe, mich zum Beispiel von Studenten bestechen lasse, Forschungsergebnisse manipuliere und sonstige Dummheiten als Professor begehe - dann hilft Ihnen kein Netz und kein Computer. Da müssen Sie schon wallraffen.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Online-PR, die Suchmaschinen austrickst und sich bewusst nach oben katapultiert?
Natürlich ist das ein Problem. Das ist sehr vielschichtig. Ich möchte nur auf zwei Aspekte hinweisen, die auf das Phänomen des "Digital Divide" zurückzuführen sind. Nutzer, die gelernt haben, mit Suchmaschinen und Online-Quellen umzugehen (wie zum Beispiel Journalisten), können dadurch kaum ausgetrickst werden. Nutzer, die sich nicht so gut auskennen, vertrauen aber oft dem Ranking der Maschinen. Grundsätzlich fängt das Problem aber schon damit an, dass wir ja nicht wissen, ob die Such-Algorithmen nicht schon von den Suchmaschinen-Anbietern manipuliert wurden - oder auch unbewusst bestimmte Ergebnisse bevorzugen, andere systematisch ausklammern. Wir haben das Gatekeeper-Problem jahrzehntelang für den Journalismus diskutiert. Die Suchmaschinen sind in vielerlei Hinsicht die neuen Gatekeeper der Informationsgesellschaft - um das mal so platt zu sagen.

Vielen Dank für das Interview.