Eine Reportage als Beispiel
Beitrag Online Plus zum Econ-Lehrbuch »Radio-Journalismus«, 9. Auflage 2009
Autoren: Sandra Maischberger/Axel Buchholz
Hörprobe
»Cholesterinspiegel-Test auf der Internationalen Handwerksmesse in München« – das hört sich auf Anhieb nicht sehr spannend an. Aber es war das (selbst gewählte) Thema der ersten, hervorragend gelungenen Übungsreportage einer Schülerin der Deutschen Journalistenschule in München: das Thema von Sandra Maischberger. Sie ist inzwischen eine erfolgreiche Fernsehjournalistin (vgl. Kapitel »Herausgeber und Autoren« im Econ-Buch »Radio-Journalismus«) und hat die Abschrift ihrer Reportage zur Verfügung gestellt.
Was Sprechweise, Stimme, Geräusche und Atmo aussagen, lässt sich gedruckt nicht wiedergeben. Eine frei gesprochene Reportage nachlesen, das nimmt ihr die akustische Wirkung. Sprachliche Mängel wie Wiederholungen, nicht ganz korrekte Sätze und Unsicherheiten bei der Wortwahl fallen beim Lesen besonders auf. In einem Ausbildungsbuch ist die Methode dennoch aufschlussreich. Studieren kann man daran,
- wie die Reportage angelegt ist (Aufbau, roter Faden),
- wie die Übergänge zwischen Schilderung und nicht-schildernden Passagen gefunden wurden,
- wie Wortwahl und Satzstruktur waren und
- wie kurze O-Töne einbezogen wurden.
Die Anmerkungen in der Spalte rechts neben dem Reportagetext sollen am Beispiel Grundsätzliches aufzeigen.
Es ist fast eine Ironie, dass der Stand der IKK, der Innungskrankenkassen, ausgerechnet in Halle 14 und 15 sind.
Man hat noch den Informationszettel der IKK in der Hand und liest:
»Die meisten essen zu viel und zu fett und zu süß«, betritt die Halle 14 und steht mitten in dem Dunst einer Frittiermaschine. Halle 14 gehört dem Fleischerhandwerk, Halle 15 im ersten Stock den Bäckern. Um die Ecke also der Test, der mir zeigen soll, dass ich zu viel, zu fett oder zu süß esse.
Der Grund, dass dieser Stand ausgerechnet hier ist, ist, dass die IKK, die Innungskrankenkassen, die traditionellen Krankenkassen der Handwerker sind.
Aber wenn man sich hier umschaut, muss man sagen, dass sich nicht nur die Handwerker für ihre Gesundheit interessieren, sondern eine ganze Menge anderer Leute – der Stand ist rappelvoll.
Ich sitze jetzt einer freundlichen Dame im weißen Kittel gegenüber, einer Medizinstudentin, und sie sticht mir jetzt mit einem kleinen blauen Tacker in meinen Mittelfinger der rechten Hand.
O-Ton Studentin im Hintergrund:
»Vorsicht – sticht«.
»Vorsicht, sticht«.
Also man sieht die Nadel genauso wenig, wie man sie spürt. Das Blut sieht man jetzt allerdings schon, sie presst es mir aus dem Finger raus: ein kleiner roter Tropfen. Sehr apart.
Mit einer Pipette saugt sie jetzt das Blut meines Fingers ein … es fließt ein bisschen in den Fingernagel, es hat eine sehr schöne Farbe … passt gut zu den weißen Handschuhen der Medizinstudentin.
O-Ton Studentin im Hintergrund:
»Abwischen«.
Abwischen das Ganze mit einem kleinen Wattebausch.
O-Ton Studentin im Hintergrund:
»Die Luftblase rausdrücken«.
Die Luftblase auch noch rausdrücken. Und weiter geht’s mit dem Abzapfen. Mir zu Füßen ein Müllbeutel mit Handschuhen, Teststreifen, Pipetten und viel Blut. Mein Blut wird jetzt auf einen Teststreifen draufgedrückt und der Teststreifen wird in einen Computer gesteckt.
Die Klappe wird zugemacht und es erscheint eine Leuchtanzeige:
»SHOL 171 Sekunden, Tendenz fallend.« Das heißt, es wird jetzt runtergezählt,
drei Minuten wird es dauern, bis mein Cholesterinwert ermittelt ist.
Während der Zeit können wir ein bisschen beschreiben, wie’s hier aussieht. Der Stand ist viel zu klein für die Menschenmenge, die hier ihre Gesundheit testen lassen will. Es gibt eine Waage, die sowohl das Gewicht misst, wie auch den Biorhythmus ausdruckt. Es gibt diesen Cholesterintest, diesen Computer mit den Blutstreifen, und im hinteren Eck steht noch ein Computer.
Wenn man den Blutdruck, den Cholesterinwert und das Gewicht zusammennimmt, kann man sich mit diesem Computer mit ein paar Ergänzungsfragen, zum Beispiel ob man raucht, ob man trinkt, ob man sich bewegt, einen individuellen Gesundheitsspiegel erstellen lassen. Der wird gleich ausgedruckt. Und daraufhin kann man sich individuell hier beraten lassen, was man für die bessere Ernährung tun kann, zum Beispiel mehr Obst essen, mehr Gemüse essen, weniger Fett essen und so weiter. Das alles dauert natürlich seine Zeit.
Derweilen kann ich etwas zu meiner geistigen Verfassung im Moment sagen, ich hab nämlich meinen Biorhythmus schon, da steht drauf: »Geistig sind Sie in der Regenerationsphase mit fallender Tendenz.« Sollte ich also im Laufe dieser Reportage etwas nachlassen, so liegt das alles an meinem Biorhythmus.
Mein Cholesterinwert ist immer noch 66 Sekunden davon entfernt, ausgedruckt zu werden.
Der Messestand ist heute – wie mir vorher gesagt wurde – schlecht besucht. Das sieht man allerdings nicht. Man sieht den blauen Teppich kaum mehr vor lauter Leuten, die hier rumstehen.
An der Wand sieht man einen Handwerker, der zuerst einen Apfel wirft, ihn dann skeptisch anschaut, reinbeißt und im vierten Bild sehr vergnügt dreinschaut. Das soll also damit ausgedrückt werden, dass gerade Handwerker, KFZ-Mechaniker zum Beispiel, die mittags nicht sehr viel Zeit haben, sich um ihre Ernährung zu kümmern, ein individuelles Gesundheitsprogramm brauchen.
Der Countdown läuft noch immer: neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins Sekunden, jetzt müsste der Cholesterinwert kommen … und er erscheint: »197 Milligramm pro Deziliter«. Ist das viel oder wenig?
O-Ton Studentin:
»Das ist normal, ganz normal. 200 ist der Normwert«.
200 ist der Normwert, ich habe einen kleinen Pass, da steht jetzt mein Wert drinnen. Damit kann ich also jetzt zur individuellen Gesundheitsberatung gehen.
Wenn alles nichts mehr nützt, hören Sie nie wieder etwas von mir.
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Der Einstieg in eine Reportage soll Höranreiz bieten, neugierig machen: Es ist fast eine Ironie …
In den Anfangsteil gehört auch die räumliche Orientierung: Von welchem Standort aus schildert der Reporter? Ich stehe hier mit meinem Mikrofon … ist keine besonders einfallsreiche Lösung.
Die Reporterin vermeidet sie und führt uns über den Widerspruch zwischen der Warnung vor zu fettem Essen auf dem Informationszettel und dem Dunst einer Frittiermaschine mitten hinein in den Stand. Sie drückt sich plastisch aus: … mitten in dem Dunst einer Frittiermaschine.
Die Reporterin geht jetzt vom man zum ich über. Sie erlebt den Test stellvertretend für ihre Hörer und hat damit den roten Faden. Auf diesen Aufbau der Reportage muss man sich vorbereiten.
In der Reportage wechselt der Reporter ständig zwischen Hintergrund und Schilderung: Hier wird erklärt, was die IKKs sind.
Und nun gleich wieder Schilderung: Wenn man sich hier umschaut …
Auch hier wieder ein lautmalerisches, aussagestarkes Wort: rappelvoll. Wie blutleer wäre im Vergleich dazu sehr voll gewesen.
Wörter, die wirklich noch etwas aussagen, sind in der Reportage gefragt.
Die Reporterin sagt nicht: Und nun nimmt mir eine Studentin Blut ab. Sie beschreibt hier detailliert, was geschieht. Details machen eine Schilderung anschaulich.
Kurze O-Töne (keine langen Interviews) machen eine Reportage authentisch.
Die Reporterin nimmt den O-Ton ab, wiederholt ihn, weil die Studentin wegen des lauten Stimmengewirrs auf dem Stand (Atmo) nicht gut zu verstehen ist. Deshalb ist vor Beginn der Reportage eine akustische Probe sinnvoll. So wichtig die Atmo ist, die Reporterstimme muss leicht verständlich sein, der O-Ton darf nicht in den Umweltgeräuschen untergehen.
Die Schilderung eines Geschehens (oder einer Situation) ist das Wesentliche am Genre Reportage. Dennoch gerät meist der Hintergrundteil ausführlicher, weil es ziemlich schwer ist, sofort in Worte umzusetzen, was man im Augenblick sieht. Das Berichten von Fakten ist vergleichsweise einfacher. Ergänzende Hin-
tergrund-Informationen, ein Rückblick oder eine Vorausschau, eine Interpretation oder wertende Bemerkungen sowie Zitate – all das ist im nichtschildernden Teil der Reportage möglich. Und darauf kann man sich viel besser vorbereiten als auf die Schilderung aus dem Stehgreif.
Die Reporterin schildert hier sehr ausführlich und genau. Auch darin kann eine Gefahr liegen, wenn das äußere Geschehen nicht »trägt« und sich die Frage stellt, warum soll ich mir als Hörer das so genau antun.
Wenn die Studentin gut zu verstehen gewesen wäre, hätte die Reporterin den O-Ton nicht wiederholen dürfen, schon gar nicht ständig. Eine gute Methode ist aber, an einen solchen O-Ton mit ergänzendem Hintergrund anzuschließen: Warum muss die Luftblase rausgedrückt werden? Das tut sie, weil…
Zitate können Teil der Schilderung sein (wie hier der Text auf der Leuchtanzeige) oder Bestandteil einer Hintergrundpassage (wie gleich zu Beginn der Text eines Informationszettels).
Die Zeitangabe sorgt für Spannung: drei Minuten wird es dauern …
Statt der Beschreibung wäre hier wohl Hintergrund-Information zum Cholesterin-Wert sinnvoll gewesen. Welche Folgen hat es, wenn er zu hoch ist? Wie oft soll man ihn testen lassen? Was kann man vorbeugend tun?
Eine Reportage verbindet Augen-Erlebnis mit Hintergrund zur Gesamtinformation. Zu viel Schilderung ist oft zu aussagearm. Zu viel Hintergrund macht die Reportage farblos und trocken.
Welches Ergebnis haben denn diese »Gesundheitsspiegel« in der Regel? Die Reporterin hätte das vorher recherchieren und dann hier noch einbringen können – als Anregung für die Hörer, ihre eigene Lebensweise zu bedenken.
Die Reporterin spricht über sich selbst. In der Reportage ist das ihr gutes Recht. Dass sie es mit Selbstironie tut, macht sie sympathisch. Dass sie »ich« sagt, ist richtig, besser als das »wir« zuvor.
Die Zwischen-Zeit sorgt dafür, dass der Spannungsbogen nicht abreißt.
Man sieht den blauen Teppich kaum mehr vor lauter Leuten – so wird die Fülle auf dem Stand deutlich vor Augen geführt. Eine schöne Formulierung. Nur wussten wir vorher schon, dass er rappelvoll ist. Vorsicht vor Wiederholungen. Sie schleichen sich ein, wenn es wenig zu schildern gibt und man sich auf die ergänzenden Hintergrundinformationen nicht genügend vorbereitet hat.
Gleich dreimal hintereinander heißt es man sieht oder sieht man. Wer seine Reportagen kritisch abhört, wird auf den inflationären Gebrauch einzelner Wörter aufmerksam.
Ein bisschen Dramatik schadet nicht. Der Tonfall muss dafür sorgen, dass es nicht überzogen klingt.
Das Test-Ergebnis ist der Höhepunkt der Reportage, das Ende des Tests und damit auch ein logischer Schluss.
Häufig bietet sich der Ausstieg nicht so an. Man sollte ihn deshalb – wie den Einstieg – vorher überlegen. Denn: Was zuletzt gesagt wird, soll dafür sorgen, dass die Reportage dem Hörer in guter Erinnerung bleibt. Und das tut sie kaum, wenn sie nach dem Motto endet: So, nun weiß ich nichts mehr, jetzt gebe ich zurück ins Funkhaus.
Die Reporterin spricht noch einmal von sich, macht sich dabei etwas über sich selbst lustig. Das ist persönlich, bewahrt gleichzeitig aber vor dem Vorwurf: Die nimmt sich zu wichtig, spricht zu viel von sich.