Kapitel 2: Beiträge und Darstellungsformen
Umfrage/Vox Pop
Von Axel Buchholz
(Leseprobe aus dem Econ-Lehrbuch »Radio-Journalismus«, 9. Auflage, Berlin 2009)
Sagen Sie mir mal bitte fürs Uni-Radio, was Sie so über Radio-Umfragen auf der Straße denken?
So etwa könnte die Frage für eine Umfrage gestellt werden. Die Antworten ergeben dann ein zufälliges Meinungs- oder Stimmungsbild.
Umfragen sind nicht repräsentativ. Da nur eine kleine Zufallsauswahl von Passanten befragt wird, geben solche Umfragen, auch »Vox Pop« (= vox populi, Volkes Stimme) genannt, wirklich nur wieder, was die jeweils Befragten denken. Deshalb darf auch durch An- oder Abmoderation nicht der Eindruck erweckt werden, als sei dies die Meinung »aller«, als denke »man« so. Also nicht: «Hier, was die Thüringer darüber denken…» Statt dessen z.B.: «Hier, was Erfurter auf der Krämerbrücke dazu gesagt haben…» Wer besonders gewissenhaft sein will, kann ausdrücklich auf den Zufallscharakter hinweisen.
Aufsager/Nachrichten-Minute
Von Georg Diedenhofen
(Leseprobe aus dem Econ-Lehrbuch »Radio-Journalismus«, 9. Auflage, Berlin 2009)
Aufsager sind kurze Berichte, (meist) ohne Einspielungen, die vor allem in O-Ton-Nachrichten verwendet werden; deshalb heißen sie oft auch Nachrichten-Minute. (vgl. Beitrag »Nachrichten-Präsentation«). Sie werden vom Journalisten geschrieben und selbst gesprochen.
O-Ton, Atmo und Geräusche
Von Axel Buchholz
(Leseprobe aus dem Econ-Lehrbuch »Radio-Journalismus«, 9. Auflage, Berlin 2009)
Reporter: Wissen Sie, was ein O-Ton ist? Passanten: Nee, keine Ahnung! O-Ton? Ich nehme an, das ist ein Selbstlaut, der nach dem A-Ton kommt? Ein O-Ton – nee, tut mir leid! Nee, ich nich verstehn, ich Italiener. Da müssen Sie mir erst sagen, ob das naturwissenschaftlich ist oder überhaupt von den Naturwissenschaften kommt. Ein O-Ton? Einen Ton mit einem »O« gibt es nicht (aus einer Straßenumfrage von Studenten des Journalistischen Seminars der Universität Mainz).
O-Ton (Original-Ton) ist im Radio-Journalismus der Fachausdruck für authentische Wort-Aufnahmen: kleine Ton-Dokumente. Solche O-Töne zu beschaffen, ist nicht selten eine der ersten Aufgaben von Hospitanten oder Praktikanten in einer Radio-Redaktion. O-Töne können sein:
speziell eingeholte Statements,
ohne Aufforderung des Journalisten gesprochene Wort-Passagen, »belauschtes Leben«,
Ausschnitte aus Interviews, Reden und Pressekonferenzen,
Wort-Passagen aus Archivmaterial.
O-Ton-Bericht
Von Axel Buchholz
(Leseprobe aus dem Econ-Lehrbuch »Radio-Journalismus«, 9. Auflage, Berlin 2009)
Der O-Ton-Bericht ist eine der wichtigsten Darstellungsformen im Radio-Journalismus. Kein Wunder.
Die Vorteile der O-Ton-Berichte sind überzeugend:
Sie sind weniger weitschweifig als das bei Interviews der Fall sein kann und
weniger trocken als ein reiner Bericht (vgl. Beitrag »Aufsager«).
Die Prägnanz des Berichts und die Authentizität und Lebendigkeit des O-Tons verbinden sich im O-Ton-Bericht zu einer radiogemäßen Form
Sie eignen sich dadurch nicht nur für die aktuelle Berichterstattung in den massenattraktiven Begleitprogrammen, sondern auch für die Fachredaktionen der Einschaltprogramme.
(…)
Atmo, Geräusche und besonders aussagestarke O-Töne sind im O-Ton-Bericht deshalb stark gefragt (vgl. Beitrag »O-Ton, Atmo und Geräusche«). Die Form nähert sich damit dem Mini-Feature (vgl. dort) an
O-Töne und Berichtstext sind im O-Ton-Bericht (OTB) gleichwertige Träger der Information– anders als im Zeitungsbericht, in dem die wörtlichen Zitate nur eine ergänzende Funktion haben. Das macht den O-Ton-Bericht zu einer radiospezifischen Darstellungsform. Sie wird auch »BME« (Bericht mit Einblendungen) genannt. Die ebenfalls übliche Bezeichnung »gebauter Beitrag« ist weniger spezifisch und umfasst auch das Mini-Feature und die O-Ton-Collage (vgl. jeweils dort).
Kulturbericht
Von Frank Johannsen
(Leseprobe aus dem Econ-Lehrbuch »Radio-Journalismus«, 9. Auflage, Berlin 2009)
Die Beschaffung der Szenenausschnitte kann schwierig sein. In vielen Theatern sind Ton-Aufnahmen während der Aufführung grundsätzlich untersagt. Also: Auf jeden Fall vor der Premiere klären, was erlaubt ist und was nicht. Falls man mit dem Mikrofon in die Aufführung darf, gilt: So dicht wie möglich ran an die Rampe.
Korrespondentenbericht aus dem Ausland
Von Stefanie Markert
(Leseprobe aus dem Econ-Lehrbuch »Radio-Journalismus«, 9. Auflage, Berlin 2009)
Einzelkämpfer ist der Korrespondent in den meisten Fällen. Er recherchiert eigenständig, nutzt dazu Nachrichtenagenturen, Internet und einheimische Medien, er geht zu Pressekonferenzen und hat sein eigenes Archiv. Auch die deutsche Botschaft im Gastland ist mit ihrer Pressestelle und regelmäßigen Pressegesprächen eine Informationsquelle.
Mini-Feature
Von Jochen Heuer
(Leseprobe aus dem Econ-Lehrbuch »Radio-Journalismus«, 9. Auflage, Berlin 2009)
Ein Mini-Feature ist ein akustischer Film. Ein Feature vom bunten Treiben am Nordseestrand muss das Möwen- und Kindergeschrei ebenso akustisch transportieren wie das Wellenrauschen. Und im Hörbild über eine barocke Kirche müssen die hallenden Schritte ebenso zu hören sein wie das murmelnde Geflüster der Betenden.
O-Ton-Collage
Von Jochen Heuer
(Leseprobe aus dem Econ-Lehrbuch »Radio-Journalismus«, 9. Auflage, Berlin 2009)
Wenn Reporter nicht reden, ist das Radio? Die Antwort lautet: Ja, auch das ist Radio. Denn warum sollte der Reporter sich den bemerkenswerten Satz »Puh, ist das heiß« einfallen lassen und sprechen, wenn ihm das ohnehin alle Mitmenschen in Kaufhäusern, Straßencafés, Straßenbahnen oder Badeanstalten schon gesagt haben? Weil dies so war, weil alle über die Hitze stöhnten, schwieg unser Reporter. Eine O-Ton-Collage war entstanden.
Interview
Von Axel Buchholz
(Leseprobe aus dem Econ-Lehrbuch »Radio-Journalismus«, 9. Auflage, Berlin 2009)
Radio-Journalisten führen häufig Interviews, um O-Töne einzuholen. Ihre Fragen senden sie dann nicht. So eingesetzt, leistet das Interview nur Vorarbeit für andere Darstellungsformen wie den »O-Ton-Bericht«. Im Beitrag »O-Ton, Atmo und Geräusche« (vgl. jeweils dort) ist dargestellt, was bei solchen O-Ton-Recherche-Interviews zu beachten ist.
Das Interview als journalistische Darstellungsform ist anspruchsvoller, weil es beides öffentlich macht:
die Information (im O-Ton) als Ausbeute des Interviewens und
den Arbeitsvorgang des Interviewens selbst.
Es präsentiert dem Hörer nicht nur, was der Reporter erfragt, sondern auch, wie er es tut und ob der Interview-Partner bereitwillig Auskunft gibt oder nur durch beharrliches Nachfragen zu Antworten zu bewegen ist. Darin liegt zusätzlicher Informationswert. Oft ist es zugleich spannend oder unterhaltend. Von dieser Art Interviews ist hier die Rede.
Gesagt ist gesagt. Im Print-Journalismus werden Interviews vor dem Druck »autorisiert«1. Interview-Partner haben damit die Möglichkeit, ihre Äußerungen vor der Veröffentlichung noch zu korrigieren, zu entschärfen, ganz zu streichen oder zu ergänzen. Im Radio-Interview gilt dagegen das gesprochene Wort – live ohnehin, aber auch aufgezeichnete Interviews müssen vom Interview-Partner vor der Sendung nicht mehr genehmigt werden.
Fragetechnik im Interview
Von Axel Buchholz
(Leseprobe aus dem Econ-Lehrbuch »Radio-Journalismus«, 9. Auflage, Berlin 2009)
Wie viele Fragen brauche ich für ein Drei-Minuten-Interview? In Interview-Seminaren wird das häufig gefragt. Die Antwort heißt: So viele Sie benötigen, um die Informationen zu bekommen, die Sie erfragen wollen. Das befriedigt auf Anhieb nicht alle. Trotzdem ist es richtig: Bei einem wortkargen Interview-Partner braucht man mehr als bei einem redseligen, bei einem präzisen weniger als bei einem schwafelnden oder ausweichenden, den man öfter unterbrechen muss.
Reportage
Von Axel Seip
(Leseprobe aus dem Econ-Lehrbuch »Radio-Journalismus«, 9. Auflage, Berlin 2009)
Mittendrin statt nur dabei. Egal bei welchem Ereignis: Der Reporter muss mitten hinein tauchen. Das lateinische Verb ›reportare‹ heißt zurückbringen, zusammentragen. Also muss er beim Ereignis (gewesen) sein, sehen und schildern, was geschieht, ergänzende Informationen zusammentragen und damit den erforderlichen Hintergrund zum vordergründigen Geschehen liefern.
Sportreportage
Von Hans-Reinhard Scheu
(Leseprobe aus dem Econ-Lehrbuch »Radio-Journalismus«, 9. Auflage, Berlin 2009)
Egal ob Fußball, Leichtathletik oder Motorsport: Ablauf und Ergebnis sportlicher Wettkämpfe sind nicht vorhersehbar. Das macht einen wesentlichen Teil ihrer Faszination aus. Deshalb verlangt der Sport – wie kein anderes Ressort – nach direkter Vermittlung. Also muss der Sportreporter besonderen Anforderungen gerecht werden.
Kommentar
Von Carola Stern
(Leseprobe aus dem Econ-Lehrbuch »Radio-Journalismus«, 9. Auflage, Berlin 2009)
Urteilskraft und Mut zur Entschiedenheit werden vom Kommentator umso mehr verlangt, je mehr er bei der Behandlung eines Themas beim Hörer eigene Kenntnisse und Meinungen voraussetzen kann. Er muss überzeugen durch sein Engagement, aber auch durch die Logik seiner Begründungen, durch sein Temperament wie auch durch erkennbare Distanz zum Stoff. Er muss bereit sein, seine Meinung in Frage zu stellen, Irrtümer einzugestehen und eigene Urteile daraufhin zu überprüfen, ob sie zu Vorurteilen geworden sind.
Glosse
Von Pit Klein
(Leseprobe aus dem Econ-Lehrbuch »Radio-Journalismus«, 9. Auflage, Berlin 2009)
Die Glosse ist der gut beobachtete Augenblick zwischen zwei Wimpernschlägen. So hat das sinngemäß einmal der Dominikanerpater Rochus Spiecker gesagt. Das heißt: Die Glosse sieht einem einzigen Schritt an, ob derjenige, der ihn tut, den aufrechten Gang pflegt oder ein Kriecher ist; die Glosse hört den falschen Zungenschlag und entlarvt die feierliche Rede; die Glosse erschnüffelt aus einem Rülpserchen die Schlemmereien einer ganzen Woche.
Radiocomedy
Von Michael Bollinger
(Leseprobe aus dem Econ-Lehrbuch »Radio-Journalismus«, 9. Auflage, Berlin 2009)
Unter Comedy verstehen die Radiomacher heute eigentlich alles, was lustig ist im Programm.
Mit »Radiocomedy« wurde der Humor im Radio nicht neu erfunden. Sketche, Parodien und Blackouts, gespielte Witze, Szenen, Telefonscherze, fiktive Typen und Stimmchargen gibt es schon lange im Radio. Aber das Tempo der Stücke zwischen wenigen Sekunden und zwei Minuten ist schneller, die Produktionsweise durch digitale Schnitttechnik kleinteiliger geworden, vor allem sind hörfunkspezifische Formen hinzugekommen, die sich an journalistische Beiträge des Programms anlehnen.
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