Auf Gegenstrategien des Interview-Partners richtig reagieren

Beitrag Online Plus zum Econ-Lehrbuch »Radio-Journalismus«, 9. Auflage 2009

Autor: Axel Buchholz

Wenn Interview-Partner »mauern«, dann wird’s besonders spannend im Interview. Dann geht es darum, wer seine Interview-Ziele durchsetzen kann. Bekommt der Reporter hinreichend aussagekräftige Antworten im Interesse seiner Hörer? Oder gelingt es dem Interview-Partner, rhetorisch zu vernebeln, was eigentlich aufzuklären wäre? Auch auf solche Interview-Situationen muss der Reporter vorbereitet sein. Hörer merken schnell, wenn sich ein hilfloser Friedlich-Frager von einem ausgebufften Abwehr-Antworter überfahren lässt.

Zumindest Gegenwehr ist Reporterpflicht – auch wenn sie nicht immer erfolgreich sein wird. Für »harte« Interviews dieser Art gilt besonders (vgl. im Econ-Buch »Radio-Journalismus« den Beitrag »Fragetechnik im Interview«):

»Ist der Interviewpartner auf unerquickliche Fragen vorbereitet, weil er beispielsweise dem Interview aus Gründen seiner öffentlichen Position nicht ausweichen kann, so wird er als letztes Mittel zur Lüge greifen oder den Sachverhalt einfach bestreiten. In günstigeren Fällen wird er die Gelegenheit benutzen, sein Verhalten in einem möglichst guten Licht darzustellen, was meist auch dazu führt, dass die Wahrheit verfälscht wird.« Conrad Ahlers, Regierungssprecher unter Bundeskanzler Willy Brandt, Co-Autor des Beitrags »Gegenstrategien des Interview-Partners« in den ersten sieben Auflagen von »Radio-Journalismus«.

Ausweichstrategien im Überblick – und wie der Reporter darauf reagieren kann. In den beiden Buch-Beiträgen »Fragetechnik im Interview« und »Interview« im Econ-Buch »Radio-Journalismus« ist vieles, wie z.B. richtiges Unterbrechen und die Frage-Arten, ausführlich dargestellt, worauf hier nur knapp hingewiesen wird.


Gegenstrategie des Interview-Partners:
sehr lange Antworten, auf Zeitgewinn spielen
Reaktion des Reporters:
schnell unterbrechen, präzisierende Nachfrage
ausweichen ins Grundsätzliche, in die Vorgeschichte, auf angebliche Parallel-Entwicklungen, ins Unverbindlich-Allgemeine
bei erstbester Gelegenheit unterbrechen und auf das Thema zurückführen
vage, nicht eindeutige Antwort
mit Bestätigungsfrage nachfassen
sehr kurze, einsilbige Antworten
schnell nachfragen, dabei »nachlegen«, also im Balkon weitere Fakten einführen
Rückfrage: Ich habe Ihre Frage nicht verstanden
Frage ruhig, möglichst präzise wiederholen
Rückfrage: Wie können Sie so was  fragen … oder: Warum fragen Sie das …
Frage mit sachlicher Erklärung wiederholen: Ich frage das, weil Ihnen das von XY vorgeworfen wird … oder … weil Sie das bislang immer anders dargestellt haben
Rückfrage: Sehen Sie das etwa anders? Oder: Was ist denn Ihre Meinung dazu …
nicht zu einer Antwort verlocken lassen, nicht ins Argumentieren ziehen lassen. Erstens ist es nicht Ihre Rolle im Interview und zweitens geraten Sie in eine schwächere Position. Deshalb: Frage wiederholen, auch mit dem Zusatz: Danach frage ich Sie
Fakten in der Frage bestreiten
Quelle nennen, Frage wiederholen
Frage kritisieren; als falsch, unberechtigt, zu persönlich, unangemessen, beleidigend, dumm
Frage ruhig mit Begründung wiederholen: Ich frage Sie das, weil …
Reporter kritisieren wegen schlechter Vorbereitung notfalls knapp entschuldigen, besser: Beweis für richtige Vorbereitung (Quelle) liefern
Reporter kritisieren wegen Parteilichkeit, Voreingenommenheit
sachlich Grund für Frage nennen und Frage wiederholen
Mehrfach hintereinander ausweichen jedenfalls einmal, notfalls mehrfach nachhaken. In die Meta-Ebene gehen: Ist Ihnen diese Frage unangenehmen? Warum weichen Sie einer präzisen Antwort aus?
Erneutes Ausweichen Frage wiederholen, Kurzfassung der Antwort wiederholen und nachfragen: Ich habe Sie gefragt … Sie haben geantwortet … Warum weichen Sie aus? Erneutes Ausweichen wird dem Hörer durch die Frage-Formulierung hoffentlich besonders deutlich.
Klares Verweigern einer Antwort: Dazu sage ich nichts nach einer Begründung für das Verweigern fragen; im Vorbau Gründe für die Notwendigkeit einer Antwort anführen und erneut fragen.
Abbrechen des Interviews kurze neutrale Absage, evtl. kurzes Bedauern über nicht erfolgte Aufklärung des Sachverhalts; keinesfalls nachkarten.

Im »Einwickeln« und nicht im Mauern oder Angreifen suchen manche Interview-Partner ihr Heil. Da wird der Reporter gleich mehrfach überaus freundlich mit Namen angeredet und gelobt: Vielen Dank für diese wichtige Frage, Herr xy … Die (unausgesprochene) Botschaft dabei ist: Du wirst mich doch nicht etwa garstig fragen, wo ich doch so nett zu Dir bin?! Der Reporter darf sich dadurch nicht von seinem Interview-Ziel abbringen lassen. Seinen Tonfall kann er noch einmal überprüfen: Klinge ich sachlich-freundlich genug? Denn ein scharfer, besonders kühler Klang der Reporter-Stimme wäre in einer solchen Interview-Situation kontraproduktiv, könnte zu einem Mitleidseffekt beitragen.

Die Grenzen beim Nachhaken erkennen: Die Hörer müssen das genaue Nachfragen immer als sachlich berechtigt und erforderlich empfinden. Wenn nicht, beginnen sie den Interview-Partner als Opfer zu bemitleiden. Die Sympathie schlägt um. Der Reporter ist dann möglicherweise tatsächlich zu weit gegangen oder in einer für den Hörer nicht so entscheidenden Frage zu beharrlich gewesen. Vielleicht hat der Reporter aber auch nur versäumt, im Vorbau seiner Nachfragen klar zu machen, warum er so sehr auf einer präzisen Antwort besteht.

Nach einem kontroversen Interview, das für den Interview-Partner schlecht lief, muss sich der Reporter besondere Mühe mit dem Nachgespräch geben. Er sollte noch einmal deutlich machen, warum er so fragen musste, wie er es getan hat, vielleicht auch Verständnis zeigen für das Verhalten des Interview-Partners: Die kontroverse Situation ist durch die unterschiedlichen Rollen entstanden und nicht, weil man persönlich etwas gegeneinander hat.
→ Tipp: Nach dem Interview (auch dem kontroversen), ist vor dem Interview. Nicht selten möchte der Reporter auch diesen Interview-Partner noch häufiger am Mikrofon haben.

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