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"Ich denke nicht darüber nach, Kunst zu machen."

Die Inszenierung eines Theaterstücks, eines Balletts oder einer Oper fotografisch zu dokumentieren - sachlich umschrieben klingt die Arbeit eines Theaterfotografen unkompliziert. Doch gilt es, die Inszenierung unverfälscht abzubilden, ganz im Sinne des Regisseurs, ohne die Lichtdramaturgie zu verfälschen. Ob dieser Spagat gelingt, fragt Kerstin Rüllke die Theaterfotografin Monika Rittershaus.

Monika Rittershaus

Was müssen Sie vorher über Inszenierung, Bühnenbild, Lichtdramaturgie, Sänger, Kostüme und Werk wissen?

Das Werk lese oder höre ich vorher, um Inhalt, Personen, wesentliche Konstellationen und dramaturgische Höhepunkte kennen zu lernen. Wenn möglich, schaue ich mehrere Proben einer Inszenierung an, bevor ich zum ersten Mal fotografiere. Dabei konzentriere ich mich auf das Besondere der jeweiligen Arbeit und versuche die Denk- und Vorgehensweise des Regisseurs und seines Teams zu verstehen, um sie in meine Bildsprache einzubeziehen. Ich suche den richtigen Standpunkt für mich und meine Kameras, entscheide, ob ich mich mehr oder weniger fest installiere oder mich durch den Raum bewege. Bühne und Licht sind von extrem hoher Wichtigkeit. Sänger muss ich nicht kennen und Kostüme sehe ich beinahe nie vorher, weil sie meist bei der ersten Hauptprobe zum ersten Mal getragen werden. Diese Probe ist auch für mich der erste Ernstfall.

Im Frühjahr 2008 haben Sie bei den Schwetzinger Festspielen die Oper "Niobe, Regina di Tebe" von Agostino Steffani fotografiert. Es war ein Barockspektakel mit fesselnden Charakteren, opulenten Kostümen und Szenen, die sich dem Betrachter wegen ihrer Intensität förmlich ins Auge einbrannten. Wie bereiten Sie sich auf einen solchen Fototermin vor?

Niobe von Agostino Steffani, Schwetzinger Festspiele 2008

Bei "Niobe" war es im Grunde wie immer. Ich habe eine Durchlaufprobe angeschaut, das ganze Stück gesehen und dann mit meiner Arbeit begonnen. Für das Programmheft und die letzten Bilder meiner Ausstellung über die Schwetzinger Festspiele hatte ich nur diese Probe. Danach habe ich, wie in beinahe jeder Produktion, die zweite Hauptprobe und die Generalprobe fotografiert.

Welches waren die besonderen Herausforderungen in der Produktion "Niobe"?

Die "Niobe"-Inszenierung von Lukas Hemleb hat eine sehr klare, meist symmetrische Struktur, die den Bühnenraum bis in die letzte Tiefe ausnutzt. Deshalb habe ich einen mittigen, etwas erhöhten Standpunkt gewählt. Die Produktion ist nicht sehr schwer zu fotografieren, da sie von sich aus unglaublich viele optische Reize bietet, auf die ich mich nur einlassen und reagieren musste.

Musik beeinflusst die Bewegungen der Darsteller. Erleichtert das Ihre Arbeit im Vergleich zum Sprechtheater? Kommen musikalische Strukturen, Rezitative, in denen die Handlung voran schreitet und Arien, in denen die emotionale Befindlichkeit der Figur beleuchtet wird, dem Fotografieren entgegen?

Oper ist vollkommen anders zu fotografieren als Schauspiel. Sänger sind nicht nur auf die authentische Präsentation einer theatralischen Figur konzentriert, sondern auch mit der physischen Anstrengung des Singens und der musikalischen Verbindung zum Dirigenten und ihren Kollegen befasst. Ein weit geöffneter Mund, die angespannte Körperhaltung in musikalisch komplizierten Momenten und der Blick zum Dirigenten erschweren ein spannendes Bild. Um ehrlich zu sein, kann man einen Sänger unglaublich entstellen, wenn man nicht sehr respektvoll und achtsam mit diesen Komponenten umgeht.

Schauspieler können authentischer in ihrer Figur bleiben und sich unbeschwerter bewegen. Durch die klangliche Präsenz des Orchesters können es sich Sänger fast nie erlauben, zur Seite zu singen oder die Verbindung zum Dirigenten zu verlieren. Sie wären nicht zu hören. Ihre Möglichkeiten sind also wesentlich eingeschränkter.

Als die Fotografie technisch gesehen noch in den Kinderschuhen steckte, wurden Künstlerporträts und Szenen in Ateliers nachgestellt. Modernste technische Ausrüstung ermöglicht es, nun vor Ort, auf der Bühne, aufzunehmen. Wo liegen technisch gesehen die Grenzen? Wie hoch wiegt Wissen und Erfahrung eines Fotografen?

Wirklich dramatische Momente können nicht in einem Studio nachgestellt werden. Auch nicht auf der Bühne. Man braucht die Entwicklung einer Szene hin zum Höhepunkt. Darum ist die reale Bühnensituation in jedem Fall spannender. Natürlich auch technisch schwieriger, weil man als Fotografin mit der Bühnensituation und teilweise sehr extremen Lichtverhältnissen umgehen muss. Wissen und Erfahrung haben einen sehr hohen Stellenwert. Man muss sich sehr schnell auf die Bühne einlassen und auf jede Stimmung reagieren können.

Wie viele Aufnahmen machen Sie pro Session und wie viele davon wählen Sie als gelungen aus?

Ich gehöre nicht zu den Fotografen, die unendlich viele Bilder machen. Ich löse nur dann aus, wenn ich wirklich ein Bild sehe. Die Anzahl der Aufnahmen differiert stark.

Gibt es Aufnahmen, die Sie als besonders gelungen einstufen bzw. die Sie besonders mögen? Wie sind sie entstanden?

In jeder Produktion habe ich ein oder mehrere Lieblingsbilder. Nicht immer ist dieser "Liebling" auch ein Pressefoto. Die Presse hat oft andere Kriterien. Bei "Niobe" ist das anders. Relativ viele wichtige Zeitungen haben das einsame Nebel-Bild von der wunderbaren Sängerin Maria Bengtsson ausgewählt und groß abgedruckt.

Wenn Sie die Jahre Ihrer Arbeit Revue passieren lassen, gab es Regisseure, mit denen Sie besonders gern zusammen gearbeitet haben?

Ja, natürlich. Seit vielen Jahren arbeite ich mit Achim Freyer. Er ist so etwas wie ein Mentor für mich, hat mich schon während des Studiums engagiert und immer wieder in meiner Arbeit bestätigt. Inzwischen sind einige jüngere Kollegen dazu gekommen wie vor allem Christof Loy und Claus Guth.

Wie wurden Sie Theaterfotografin?

Zuerst gab es die Liebe zum Theater. Dann habe ich Fotografie studiert und während des Studiums meiner Professorin bei einer Produktion im Wiener Burgtheater assistiert. Dort habe ich die Chance genutzt und alle Aufführungen angeschaut, die irgendwie möglich waren. Dort habe ich mich für diesen Weg entschieden und ihn konsequent verfolgt.

Wo liegt die Herausforderung für Sie, Theaterfotografin zu sein?

Mir ist der respektvolle Umgang mit der künstlerischen Vorgabe des Regieteams sehr wichtig. Ich möchte die jeweilige Inszenierung mit großer Sorgfalt und Verantwortung in meine zweidimensionale Bildsprache übertragen und die Besonderheit eben dieser Aufführung herausarbeiten. Das bedeutet keine reine Dokumentation, sondern vielmehr die Umsetzung des Bühneninhalts in ein spannendes, anrührendes und bewegendes Bild, das auch ohne die Aufführung etwas erzählt und Bestand hat.

Was fasziniert Sie am Medium Bühne?

Die emotionale und intellektuelle Konzentration von bedeutenden Inhalten, die fast alle menschlichen Bereiche betreffen. Musik, Sprache, Raum, Licht, Bilder und die Verbindung von allem.

Gibt es den "richtigen" Moment, um den Auslöser zu betätigen?

Ja.

Was, wenn Sie merken, dass Sie ihn verpasst haben?

Bestenfalls passiert das nicht. Wenn doch, kann man nichts machen. Dieser Moment wird sich nicht wiederholen.

Am Ende noch zwei Stichworte: Foto-Dokumentation, Foto-Kunst. Wo hören Theaterfotografien auf, reine Dokumente zu sein, wo beginnen sie Kunst zu sein?

Als Theaterfotografin gehe ich verantwortungs-, respekt- und liebevoll mit dem Werk und der künstlerischen Vorgabe des Regieteams um. Ich denke nicht darüber nach, "Kunst" zu machen. Manchmal gelingt es.

Monika Rittershaus

Maria Bengtsson & Jacek Laszczkowski als Niobe & Anfione, Schwetzinger Festspiele 2008Jacek Laszczkowski als Anfione, Schwetzinger Festspiele 2008Maria Bengtsson & Peter Kennel als Niobe & Creonte, Schwetzinger Festspiele 2008
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